Markttag ist Festtag | Neue Braunschweiger
21. Januar 2020
Menschen

Markttag ist Festtag

"In 80 Zeilen um die Welt", Vol. II, Folge 3: Kolumne von Andreas Döring

Markt in Key Afer im Süden Äthiopiens. Foto: Andreas Döring

Das war am eindrücklichsten in Key Afer, im Süden Äthiopiens. Schon 10 Kilometer vor dem Ort wurde die vorher völlig menschenleere Piste immer dichter bevölkert.

Alle waren sie auf für uns nicht erkennbaren Trampelpfaden aus dem Busch gekommen und reihten sich ein in den Strom, der zum heutigen Markt wollte.
Einer führte drei kleine Ziegen an einem Strick hinter sich her, ein anderer trieb einen mit Ziegeln beladenen Esel voran, etliche alte Frauen waren schwer bepackt mit Brennholz oder Grasschnitt, kleine Kinder mit Kanistern auf dem Kopf – dieses abgeschmackte Bild von einer Straße als Lebensader bekam erstmals ganz konkrete Bedeutung.

Der Braunschweiger Autor, Erzähler und Journalist Dr. Andreas Döring erzählt in seinen Kolumnen von seinen Reisen rund um die Welt. Foto: oh

Viele Stunden Fußmarsch hin und abends wieder zurück. Und selbst wenn sie weder Ziege noch Brennholz los werden: Die Aussicht auf Abwechslung, auf neue Bekanntschaften und alte Freunde, auf Klatsch und Tratsch ist jeden noch so mühsamen Kilometer wert. Dorfalltag ist eintönig – Markttag ist Festtag.
Und im Ort selbst dann auffallend viele Muzungu – weiße Touristen – , die bereits eifrig dabei waren, mit langen Teleobjektiven hemmungslos Einheimische zu fotografieren. Denn für sie war der Marktbesuch Teil des 14-tägigen Reisepakets und die Gebühr fürs Knipsen inklusive. Einige hatten fürs handelsübliche Foto kleinen Kindern gönnerhaft-lächelnd die Hand auf die Schultern gelegt und nochmal fünf Birr extra springen lassen. Schau mal, die sind ganz arm, aber immer am Lächeln. Ja, solche Fotos gibt es immer noch und immer wieder. Markttage gehören tatsächlich zum touristischen Standard-Besuchsprogramm.
Na klar: Einmal mehr sind wir fündig geworden auf unserer unermüdlichen Suche nach dem Ursprünglichen, das bei uns schon lange verschüttet ist. Gewürze riechen, Kaffeebohnen anfassen dürfen, tauschen, scherzen, feilschen – womöglich gar mit Menschen in traditionellen Gewändern – ein einziger data overflow für alle fünf Sinne. Und Nostalgie pur. Meine Oma hatte einen Lebensmittel- und Feinkostladen am Petritor. Ich habe noch – pssst! – in der riesigen Reisschublade geschaufelt, ins Mehl Spuren geharkt, war bis zu den Ellenbogen im Zucker. Ganz langsam und zaghaft kommt die lose Ware bei uns wieder, aber erstmal nur für die mit dem extra Bewusstsein und dem extra Geld. Der schönste Nachklang dieser ländlichen Markttage ist aber immer noch, dass Amazon, Flipkart oder Paytm auch auf lange Sicht in vielen Gegenden dieser Welt einfach nur nicht existieren.

Auch interessant