„Mehr Miteinander“ – auch auf der Straße | Neue Braunschweiger
16. August 2016
Menschen

„Mehr Miteinander“ – auch auf der Straße

In der Innenstadt sollen sich Radfahrer und Autofahrer die Fahrbahnen teilen – und das läuft (meistens) ziemlich gut.

Fahrrad fahren in Braunschweig: Stadtbaurat Heinz-Georg Leuer (l.) und Fachbereichsleiter Klaus Benscheidt geben einen Überblick über Verkehrsplanung, Baustellen und Pläne. Fotos: T.A.

Von Marion Korth, 16.08.2016.

Braunschweig. Wieder ein Stück auf dem Ringgleisweg geschafft: Lückenschluss im Norden. Im September soll die neue Okerbrücke an der Feuerwehrstraße eröffnet werden. „Ein wichtiger Baustein“, sagt Stadtbaurat Heinz-Georg Leuer. Ohne Frage ist das Ringgleis ein Highlightprojekt, aber darüber hinaus haben die Stadtplaner etwas anderes im Sinn, um den Radverkehr in Braunschweig voranzubringen. Leuer: „Es geht um das Zusammenspiel, es geht um den Netzgedanken.“

Fahrrad(fern)wege, Fahrradstraßen, Schutzstreifen, Fahrradampeln, Stellplätze – es sind viele Puzzleteile, die sich durch Lückenschlüsse und Straßenneugestaltungen zu einem Großen und Ganzen zusammenfügen. Ein Blick auf die aktuelle Radkarte zeigt, wie das Netz aus Alternativwegeführungen abseits der großen Hauptstraßen enger wird und letztendlich das Radfahren attraktiver macht.
Das ist wichtig. Ein Blick in die Nordstadt genügt. In drei Bauabschnitten werden im Nördlichen Ringgebiet rund 1200 neue Wohnungen und Häuser entstehen und in den Jahren 2017 bis 2020 auf dem ehemaligen BZ-Gelände direkt am Ringgleis zusätzlich 300 Wohneinheiten und circa 240 Studentenappartments. Das macht zusammen circa 1740 Wohneinheiten in den nächsten sieben bis acht Jahren. Die Stadt wächst. Mehr Menschen bedeutet mehr Verkehr. Aber nicht zwangsläufig mehr Autoverkehr. Es sei keine Frage der Ideologie, sondern schlicht eine Notwendigkeit, dass mehr Menschen Wege mit dem Rad zurücklegen, damit die Stadt nicht im Stau versinkt und nichts mehr rollt, betont Leuer. Hier hat der Radverkehr gegenüber dem Autoverkehr einen entscheidenden Vorteil, er ermöglicht viel Mobilität auf vergleichsweise wenig Straßen- und Parkraum.

Klaus Benscheidt, Fachbereichsleiter Tiefbau und Verkehr, will wieder ein Puzzleteil hinzufügen und einen Versuch machen: Ein kleines Stück auf dem Ringgleis an der Kälberwiese soll asphaltiert werden, damit Radfahrer komfortabler und auch bei Regen ohne schlammbespritzte Hosenbeine von Lehndorf aus bis in die Innenstadt gelangen können. Diese kleine Veränderung könnte die Gesamtroute sehr viel attraktiver machen, und in Lehndorf wohnen viele Menschen, das macht es interessant, gibt Benscheidt zu bedenken. Auf der anderen Seite müsse geschaut werden, wie sich das Tempo auf diesem asphaltierten Abschnitt verändere, ob sich Rad- und Fußgänger in die Quere kommen.
„Wir haben einen integrierten Ansatz, das heißt, dass wir alle möglichst gut berücksichtigen müssen“, sagt Leuer. An dieser Stelle beginnt die Gratwanderung: Fußgänger, Radfahrer, Autos, Bus und Bahn. Dazu ein Straßenraum, der begrenzt ist. Das Ringgleis ist die schöne Ausnahme, ansonsten ist es überall das Gleiche: „Die Förderung des Radverkehrs bedeutet eine Einschränkung für andere Verkehrsteilnehmer“, sagt Leuer.
Beispiel Museumsstraße. Da fehlt ein Meter Straßenbreite zur „Top-Lösung“ – die alten Bäume sollten unbedingt erhalten bleiben. Nun ist der Fahrradstreifen so, wie er ist – zu schmal, wie manche bemängeln. Eine Überlegung geht dahin, im Zuge der Platzgestaltung vor dem Herzog-Anton-Ulrich-Museum den Gehweg für Radfahrer zu öffnen, um so eine Alternativlösung anzubieten für alle, die sich auf der Straße unsicher fühlen und eher gemächlich unterwegs sind.
An anderer Stelle – dem Mittelweg – lässt sich nach einer Eingewöhnungs- und Übergangsphase feststellen, dass die Fahrradschutzstreifen, ebenfalls nach anfänglicher Kritik, gut angenommen werden. Eine Verkehrszählung ergab, dass 90 Prozent der Radfahrer wie vorgesehen auf dem Schutzstreifen unterwegs sind, 10 Prozent widerrechtlich auf dem Gehweg. Ein Problem, ebenso wie die Radfahrer, die aus Ignoranz oder Unwissenheit auf der linken Seite fahren, sich und andere gefährden. In Zusammenarbeit mit der Polizei setzt die Stadt auf Aufklärung und – wo Markierungen und Beschilderungen nicht deutlich genug sind – aufs Nachsteuern. Auf keinen Fall soll sich das Bild des „Kampfradlers“ festsetzen, denn in der Innenstadt sind die Straßen vorzugsweise für beide da – für Fahrräder und Autos. Das Motto lautet schlicht: „Mehr Miteinander.“ Der klassische Fahrradweg, getrennt von der Fahrbahn, ist ein auslaufendes Modell, hat weiterhin Bestand an älteren Straßenzügen wie im östlichen Ringgebiet, als Neuanlage auch auf den großen Hauptrouten wie etwa der Helmstedter Straße (in Kombination mit Fahrradstreifen) und in den Außenbezirken.

Apropos Außenbezirke. Der Radverkehrsplan ist so gut wie abgearbeitet. Die Verkehrsplaner schauen über die Stadtgrenzen hinaus, Fahrräder mit Elektroantrieb machen Fernziele erreichbar. Derzeit wird an einer Machbarkeitsstudie für den Radfernweg Wolfsburg-Braunschweig gearbeitet, gerade eröffnet wurde der interkommunale Radweg Salzdahlum-Mascherode.
Das Fahrrad verändert die Stadt und die Menschen. Klaus Benscheidt spricht von einer „anderen Lebenskultur“. Die Zeiten, in denen es die Radfahrer und die Autofahrer gab, seien vorbei. Das Fahrrad ist fester und wachsender Bestandteil der Mobilität in Braunschweig. Stadtbaurat Heinz-Georg Leuer ist sich sicher, würde heute der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehrsaufkommen gezählt, dann würde mehr herauskommen als die 21 Prozent im Jahr 2011.

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