„Meine Begegnung mit dem Virus“ | Neue Braunschweiger
7. Juli 2020
Gesundheit

„Meine Begegnung mit dem Virus“

Persönliche Erfahrung mit Corona – Professor Dieter Jahn über seine Covid-19-Erkrankung

Professor Dieter Jahn während eines früheren Vortrags auf dem Burgplatz. Foto: Florian Kleinschmidt

Von Anna Krings

Braunschweig. Professor Dieter Jahn ist Biologe an der Technischen Universität Braunschweig. Mikrobiologe um genau zu sein. Er erforscht Mikroorganismen, also Lebewesen, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind, wie Pilze, Bakterien oder Viren. Eine ganz persönliche Erfahrung machte er im März mit dem Virus SARS-CoV-2, als er selbst an Covid-19 erkrankte. Dem TU-Magazin hat er seine Begegnung mit dem Corona-Virus geschildert – eine so spannende Erfahrung, die wir hier gerne aufgreifen.

Professor Jahn, als Mikrobiologe beschäftigen Sie sich unter anderem auch mit Viren. Mit dem SARS-CoV-2-Virus hatten Sie eine ganz persönliche Begegnung. Haben Sie bei den ersten Symptomen geahnt, dass Sie an Covid-19 erkrankt sein könnten?
Nein. Man geht ja bei solchen Sachen immer davon aus, dass es einen selbst nicht trifft. Als wir aus unserem Norwegenurlaub zurückkehrten, ging es mir noch gut. Trotzdem blieb ich überwiegend zu Hause und hatte keinen Kontakt zu anderen. Dann bekam ich plötzlich Atembeschwerden. Ich bin Pollenallergiker und habe mir deshalb erst einmal nicht viel dabei gedacht. Meine üblichen Medikamente haben allerdings nicht geholfen und die Symptome wurden grippeähnlicher – Fieber, Husten, Schnupfen. Es wurde immer schlimmer, so dass ich schließlich ins Krankenhaus eingewiesen wurde.

Wie ging es dann weiter?
Im Klinikum Braunschweig wurde ich erst einmal komplett mit anderen Corona-Patienten auf einer neu gegründeten Station isoliert. Ab diesem Moment habe ich praktisch nur noch Augen gesehen – Menschen in grüner Schutzkleidung und mit Mundschutz. Es wurde eine Computertomografie (CT) gemacht und dabei zeigte sich, dass meine Lunge voller Viren war. Ich merkte deutlich, dass ich schlecht Luft bekam und erhielt zusätzlichen Sauerstoff über die Nase. Jede Stunde kam – so habe ich es im Dämmerzustand wahrgenommen – ein „grünes Männchen“ und hat mir Blut abgenommen. Ich hatte keine Schmerzen, war aber auch nicht wirklich bei vollem Bewusstsein. Zwei Tage lang war mein Zustand sehr kritisch. Meine Sauerstoffsättigung, also wie viel Sauerstoff meine Lunge aufnahm, lag bei 89 Prozent. Die kritische Grenze, ab der man mit der künstlichen Beatmung beginnt, soweit ich das weiß, liegt bei 87 Prozent. Ich habe davon nicht viel mitbekommen, merkte aber, dass die Frequenz der „grünen Männchen“, die meine Blutwerte gecheckt haben, zunahm. Dann hat mein Immunsystem losgelegt. Mein CRP-Wert war 20-fach höher als normalerweise. CRP ist die Abkürzung für „C-reaktives Protein“. Das ist ein Eiweiß, das bei einer Infektion das Immunsystem unterstützt. Als sich mein Zustand gebessert hatte, war ich schnell im Rhythmus des Klinikalltags, hatte dabei aber kein richtiges Zeitgefühl mehr. Das Klinikpersonal hat uns sehr gut versorgt. Man unterschätzt schnell, wie schlecht man unter klinischen Masken atmen kann. Das war schon sehr anstrengend für die Mannschaft, die uns Corona-Patientinnen und -Patienten betreut hat.

Wie geht es Ihnen jetzt?
Mir geht es wieder gut. Ich arbeite wieder, allerdings meistens von zu Hause aus dem Homeoffice. Es gibt genug zu tun. Wichtig ist, dass ich keine bleibenden gesundheitlichen Schäden davon getragen habe.

Intensivbett für die Behandlung von Covid-19-Patienten. Links neben dem Bett steht eine Herz-Lungen-Maschine, oben die Überwachungsmonitore für die Vitalfunktionen. Rechts neben dem Bett steht ein Beatmungsgerät und Infusionstechnik. Foto: imago images/Max Stein

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation allgemein und Ihre eigene aus Sicht eines Wissenschaftlers?
Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir uns immer wieder bewusst machen, dass wir auch durch die ergriffenen Maßnahmen leider nicht verhindern können, dass viele Menschen an Covid-19 erkranken. Es geht vielmehr darum, dass nicht alle gleichzeitig krank werden und dass die Zahl der Erkrankten über einen langen Zeitraum gestreckt wird, um unser Gesundheitssystem zu entlasten. Um eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen, müssen sich letztendlich aber ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung mit dem Corona-Virus angesteckt haben. Als Wissenschaftler hätte ich gerne bessere Zahlen was die Dunkelziffer an Erkrankten betrifft, die nicht erfasst sind. Es müsste systematisch auf Antikörper getestet werden, um genauer beziffern zu können, wie viele Menschen bereits mit Covid-19 infiziert waren. Was mein Interesse als Wissenschaftler außerdem weckt, ist, dass wir eigentlich gar nicht genau wissen, warum bestimmte Menschen auch ohne Vorerkrankungen oder andere Risikofaktoren sehr schwere Infektionsverläufe und andere Menschen gar keine Symptome haben. Diesen Aspekt sollte man auf gar keinen Fall unterschätzen.

Sie sprechen sehr offen über Ihre Covid-19-Erkrankung.
Ich spreche bewusst offen darüber, um ein Bewusstsein für die Erkrankung zu schaffen. Leider gibt es immer noch Menschen, die die Pandemie verleugnen oder die Krankheit verharmlosen. Ich denke, über meine Covid-19 Erkrankung zu sprechen, trägt für mich auch ein Stück weit dazu bei, das Ganze zu verarbeiten und transparent zu machen.

Hat die eigene, durch Viren verursachte Erkrankung Ihren Blick auf Ihre Forschung verändert?
Ich würde eher sagen, dass meine Covid-19-Erkrankung den Blick darauf verändert hat, was ich mit meinem Leben machen will. Das hört sich etwas drastischer an als es in Wirklichkeit ist. Die Krankheit war für mich ein Anlass, noch mehr über berufliche und private Prioritäten nachzudenken. Ich möchte weniger von den Dingen tun, die mir keinen Spaß machen und mich dafür mehr mit Dingen beschäftigen, die mir Spaß machen. Zum Beispiel möchte ich mich mehr auf meine eigene Forschung fokussieren. Privat will ich mir mehr Zeit für Gartenarbeit und Musik nehmen. Ich spiele mit Freunden in einer Band, das ist in der letzten Zeit etwas zu kurz gekommen.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf den Forschungsschwerpunkt „Infektionen und Wirkstoffe“ der TU Braunschweig?
Es gibt verschiedene Kolleginnen und Kollegen der Fakultät für Lebenswissenschaften, die in der aktuellen Situation ihre Hilfe angeboten haben. Auch gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) sind Hilfsprojekte entstanden. Als ein Beispiel will ich die Arbeit von Stefan Dübel und Michael Hust vom Institut für Biochemie, Biotechnologie und Bioinformatik nennen, die neutralisierende Antikörper entwickeln. Ich finde, die TU Braunschweig hat insgesamt schnell reagiert und unterschiedliche Hilfsangebote auf die Beine gestellt, die auf der WeCare Plattform (Anmerkung der Redaktion: https://www.tu-braunschweig.de/we-care) gebündelt werden. Das freut mich.

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