Meine Nacht mit Poseidon

Lutz Tantow serviert in der NB in loser Folge Seemannsgarn und wahre Geschichten.

Tempel am Kap Sounion. Foto: Lutz Tantow/oh

Ob alles ganz anders gelaufen wäre, wenn wir Rasmus, Neptun, Poseidon und Konsorten gehuldigt hätten, lässt sich hinterher leicht orakeln. Fakt ist: Wir taten es nicht!

Glaubt etwa irgendwer an diesen ganzen Hokuspokus, wonach von starken Stürmen und tosender See verschont bleibt, wer einen Schluck Hochprozentiges ins Meer kippt und so die Götter der Ozeane damit besänftigt?

Wir ankerten unterhalb des Kaps Sounion an der Südostspitze des griechischen Attika, bewunderten den einmaligen Sonnenuntergang und danach den angestrahlten Tempel … und – zugegeben – wir tranken das Zeug lieber selbst.

Schon bei der Ansteuerung der Bucht hatten wir Zweifel, weil eine kurze Dünung von Süd auf den Strand rollte.
Schiffe ankerten keine, wir waren in der Bucht allein. Ankerpeilung, Ankerwache. Im Halbstundentakt raus aus der Koje und gucken.

Um 0:30 Uhr bemerkten wir eine Versetzung. Neben uns ankerte jetzt eine Katamaran-Jacht erschreckenden Ausmaßes. Der kamen wir nicht näher, wohl aber dem Felsenpaar in Nordwest. Mitsegler wecken und klar zum erneuten Ankermanöver. Drei Monate zuvor hatten wir an gleicher Stelle schon einmal eine umfangreiche Unterbrechung der Nachtruhe: Wie von Teufelshand – oder sollte ich besser sagen von Poseidons Hand geführt, rauschte die komplette Ankerkette von 80 Meter Länge raus.

Poseidon, was für ein Spielchen spielst du mit uns? Schließlich lagen wir ruhig. Und was machten Südwind und Dünung? Schliefen langsam ein. Wir indes nicht. Poseidon hat sich etwas Neues ausgedacht, wie er uns den Rest der Nacht piesacken könnte.

Er schickte die Mücken. Wir schlugen um uns, gingen an Deck, rauchten – es half nur vorübergehend. Kaum denkst du wieder eingeschlafen zu sein, bist du sofort in Alarmbereitschaft und verteidigst dein Blut.
Poseidon hatte uns verlockt und wir folgten ihm: Am Vormittag nahmen wir das Beiboot, ruderten an Land und bestiegen seinen Hügel. Der Tempel steht dort seit 400 v. Chr., und schon damals ritzten die Touristen, die wohl eher eine Art Pilger waren, ihre Namen in die Säulen.

Wir waren allein und nutzten die Chance. „Para Kalo“ für alles, womit du uns gequält hast, Gott des Meeres und der Mücken, schnitzten wir in einen Säulenstumpf. Und es war ein herrliches Gefühl, ihm ironisch mal so richtig Bescheid gesagt zu haben!

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