Menschen reichen sich im Netz die Hände | Neue Braunschweiger
11. Januar 2021
Buntes

Menschen reichen sich im Netz die Hände

Auf seinem Instagram-Account „Deine Lieblingsmenschen“ bietet Marcel Krüger einen Platz zum Reden und zum Austausch

Ein Dreamteam in jeder Beziehung: Marcel Krüger und seine Ehefrau Lena. Foto: privat

„Deine Lieblingsmenschen“ heißt der Instagram-Account. Mehr als drei Millionen Menschen klicken hier jede Woche rein und warten am Abend Punkt 18 Uhr auf eine neue Geschichte. Nicht irgendeine auf Hochglanz polierte Promistory, keine Katzenbilder und keine lustigen Videos, sondern Geschichten aus dem wahren Leben. Pur, ehrlich, bewegend.

Marcel Krüger hatte die Idee zu diesem Format im vergangenen Mai. Aus einem spontanen Einfall ist eine riesige Bewegung geworden, eine Community. „Wir sind miteinander verbunden, wir gehören zusammen,“ beschreibt Marcel die innige Verbindung zwischen im Grunde fremden Menschen. Im Hauptberuf ist Marcel Keyaccounter im Funke Medienhaus, zuvor war unter anderem auch im VW-Konzern erfolgreich tätig, immer wieder sucht er neue Wege.

Social Media entdeckt

Auf einem dieser neuen Weg begann er vor rund vier Jahren mit Social Media. Ganz am Anfang stand Tochter Lotta. „Sie hat alles  geändert“, strahlt der 36-Jährige. Das Besondere für ihn: „Ich war in Elternzeit – und gefühlt war ich da allein.“ Denn im Netz fand er ohne Ende Blogs von Mamis, aber Väter waren rar. „Es gab bundesweit keine zehn Väter, die regelmäßig aus ihrem Leben posteten.“ Eine Lücke, die Marcel unter dem Account „Dad of Lotta“ schnell ausfüllte. „Gemeinsam mit meiner Frau Lena haben wir zunächst über unsere Werte gesprochen und unsere Grenzen festgelegt“, blickt Marcel auf den Anfang. Heißt: Lotta wird nicht erkennbar im Bild gezeigt.

Und sie wird nicht vermarktet. Denn Bloggen ist auch ein Geschäft. Agenturen und Unternehmen haben ihre Headhunter im Netz, die nach erfolgreichen Formaten suchen. Als „Dad of Lotta“ hatte Marcel ruchzuck Tausende von Followern, und bald auch lukrative Angebote. Er war Markenbotschafter für Pampers, für eine Schuhfirma und für ein Fotostudio. Geld, das die junge Familie gut und gern für ein paar Extras gebrauchen konnte. „Es hat mir ganz viel Spaß gemacht“, erzählt Marcel von coolen Einladungen, kostenlosen Flügen, schicken Hotels. Er hat die Top-50 Mami-Bloggerinnen kennengelernt, auf legendären Events Promis wie Motsi Mabuse getroffen. „Wir schicken uns heute noch Sprachnachrichten“, freut sich Marcel über Kontakte, die Bestand haben.

Große Gegensätze

Mit der Zeit aber erreichten ihn zunehmend auch ernste und traurige Geschichten. Menschen in dramatischen Situationen erhofften sich Hilfe von Marcel, baten um Spendenaktionen für Krebstherapien oder für einen elektrischen Rollstuhl für ein behindertes Kind. Ich habe immer deutlicher die extremen Gegensätze zwischen dem Glamourleben im Netz, den bearbeiteten Fotos und dem ganzen Chi-chi auf der einen Seite und dem wirklichen Leben auf der anderen Seite gespürt“, erzählt Marcel von einem wachsenden Unbehagen in ihm. Die Geburtsstunde für „Deine Lieblingsmenschen.“

Seit Mai vergangenen Jahres schicken jetzt täglich völlig fremde Menschen ihre Geschichte an Marcel. Und jeden Abend um 18 Uhr wird eine davon veröffentlicht. 231 Beiträge Stand heute. Jede einzelne ausgewählt und bearbeitet von Marcel. Er schreibt um, formuliert neu, verbessert Fehler. Im Schnitt braucht er eine knappe Stunde pro Geschichte, mal mehr, mal weniger. Jeder Anfang ist gleich. Zum Beispiel:„Hallo, ich bin Marcel, ich bin 36 Jahre alt und habe folgende Geschichte…“ Die Reihenfolge wird nach Themen festgelegt und sortiert, es soll möglichst abwechslungsreich bleiben. „Ich habe inzwischen eine Excel-Tabelle, die weit bis in den
Frühsommer reicht“, erzählt Marcel von seiner „Nebentätigkeit“ im Netz.

Lieblingsmensch Lena

Inzwischen hat auch Marcels Ehefrau Lena selbst ihre Geschichte bei den Lieblingsmenschen aufgeschrieben. Sie hatte Krebs. Eine Diagnose, die das junge Elternpaar Ende 2019 in den Abgrund blicken ließ. „Während der ganzen Zeit der Operationen und der Bestrahlungen hat sie jeden Abend die Geschichten der anderen Menschen auf meinem Blog gelesen“, erzählt Marcel leise. „Und
irgendwann hat sie gesagt: Jetzt schreibe ich dir auch.“

Für Marcel Krüger die wichtigste Geschichte seines Lebens: „Ich bin ihr dankbar für das Vertrauen.“

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