Mit ein paar Koffern in den Überfluss | Neue Braunschweiger
7. Oktober 2014
Menschen

Mit ein paar Koffern in den Überfluss

Im Film „Der erste Tag“ von Sabina Kaluza erzählen Polen von ihren Erfahrungen in Deutschland.

Premiere: Konzeptkünstlerin Sabina Kaluza drehte zum ersten Mal eine große Dokumentation. SH

Von Birgit Leute, 08.10.2014.

Braunschweig. 20 Flaschen Alkohol und hochbesorgte polnische Eltern – so sah der erste Tag des jungen Vikars Piotr Wintruski in Deutschland aus. Der Film „Der erste Tag“ erzählt seine Geschichte – und die vieler anderer Polen. Eine ebenso humorvolle wie nachdenkliche Dokumentation der Filmemacherinnen Christine Jezior und Sabina Kaluza.

„Wissen Sie, wir wollten mal einen anderen Beitrag zur Migrationsdebatte machen“, erzählt Sabina Kaluza beim gemütlichen Kaffee in ihrem Atelier in den Wichmann-Hallen. Einen Beitrag, der nicht zum hundertsten Mal die belastete Geschichte zwischen Polen und Deutschland ausgräbt, sondern die Erfahrungen ganz gewöhnlicher Menschen an ihrem ersten Tag im fremden Land erzählt.

Versöhnliche Sicht

Eine versöhnliche Sicht also, die ganz zum Anlass passt. Denn der Film auf Initiative des Deutsch-Polnischen Kulturvereins Braunschweigs entstand rund um die 20-jährige Partnerschaft zwischen dem Land Niedersachsen und der Woiwodschaft Niederschlesien und Großpolen.
„Christine Jezior und ich waren von Anfang an überzeugt: Eine solche Dokumentation ist nicht nur für Polen spannend, sondern auch für Deutsche, die einmal wissen möchten, wer denn eigentlich ihr polnischer Nachbar ist. Wie er lebt, welche Erfahrungen er gemacht hat“, sagt Kaluza.

Der Zuschauer begegnet zum Beispiel Pfarrer Piotr Wintruski, der als junger Vikar nach Deutschland kam und von seinem deutschen Gastgeber erst einmal literweise Alkohol ausgeschenkt bekam, um das Eis zu brechen. Oder dem ehemaligen polnischen Hochspringer Wladyslaw Kozakiewicz, der nach einer provozierenden Geste bei den Olympischen Sommerspielen in Moskau aus dem damals noch kommunistischen Polen ausgewiesen wurde.

Erster Film für Kaluza

Insgesamt ein spannendes und kluges Kaleidoskop menschlicher Schicksale und für Sabina Kaluza ein echte Herausforderung, denn „Der erste Tag“ ist gleichzeitig ihr erster abendfüllender Kinofilm, an dem sie mitwirkte. „Ich hatte von dem Metier vorher überhaupt keine Ahnung“, erzählt die Konzeptkünstlerin lachend. Doch als Christine Jezior sie fragte, ob sie nicht Lust hätte, einen Film über polnische Einwanderer zu drehen, sagte sie sofort „Ja“.

Winziges Budget

„Unser Budget war mit 60 000 Euro winzig. Filmproduktionen kosten normalerweise wesentlich mehr“, erinnert sich Kaluza. Jede Menge ehrenamtliches Engagement war also gefragt, um erstens Polen zu finden, die eine spannende Geschichte zu erzählen hatten und zweitens auch bereit waren, in einem Film aufzutreten. Mehr als 40 Interviews sind am Ende zusammengekommen, angereichert mit historischen Szenen aus dem Polen der Vor-Wende-Zeit. Seine Europapremiere feierte der Film bereits auf dem polnischen Filmfestival „Planete Dox+“ in Warschau und Breslau. In Norddeutschland war er vor kurzem in Bremen zu sehen. Jetzt hofft Sabina Kaluza auf das Filmfest Braunschweig. „Beworben haben wir uns schon dafür“, sagt sie.

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