25. Oktober 2014
Kulturelles

Mit frischen Handschriften und Visionen gegen schnöde Moden

Das Festival „Fast Forward“ bringt Arbeiten einer jungen Regiegeneration nach Braunschweig

Szene aus „Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte“, Regie: Florian Fischer.

Von André Pause. 25. Oktober 2014. Braunschweig.

Schon die Erwähnung des Wortes Trend lassen die Gesichtszüge von Barbara Engelhardt, der Kuratorin des Europäischen Festivals für junge Regie „Fast Forward“ versteinern.

„Das liegt jenseits von dem, was ich suche“, sagt sie im Gespräch. Sicher gebe es ausmachbare Tendenzen, die es jedoch auch in der vierten Auflage des Festivals am Staatstheater Braunschweig nicht festzustellen oder zu behaupten gelte. Vielmehr stünden die Spielformen und Visionen junger Regisseure, deren künstlerische Motivationen, Ansätze und Themen im Zentrum des Programms vom 27. bis zum 30. November. „Es gibt einen Reichtum innerhalb der europäischen Regieszene, auch was den Nachwuchs betrifft. Diese eigenen Handschriften zu entdecken, darum geht es“, skizziert Engelhardt. Gefragt seien eben nicht die, die sich an Moden dranhängen, sondern jene, die ihnen etwas entgegensetzen können.
Sieben Produktionen aus sieben europäischen Ländern von insgesamt elf Regisseurinnen und Regisseuren werden im Kleinen Haus, im Haus Drei, im LOT-Theater sowie in der Aula der Gaußschule zu sehen sein. Vier der eingeladenen Arbeiten sind in der Deutschland-Premiere zu sehen, die beiden deutschsprachigen Stücke werden immerhin zum ersten Mal im europäischen Kontext gezeigt.
Der durch die internationale Fachjury ausgezeichnete Preisträger dieses Jahres wird dann, so ist es junge Tradition, in der kommenden Spielzeit am Staatstheater Braunschweig inszenieren.
„Fast Forward“ hat einen binären Fokus. Zum einen ist es ein Regiefestival, zum anderen eines für den Nachwuchs. Jungen Künstlern und Kollektiven die Gelegenheit zu verschaffen, sich fernab der heimischen Theaterländer und Ausbildungsstätten auf eine gemeinsame Plattform zu begeben, ist ein zentrales Anliegen. „Es geht dabei nicht um bestimmte Genres oder Formkategorien, sondern darum das Spektrum aufzuzeigen, in dem sich Regieansätze heute bewegen“, macht Barbara Engelhardt klar. So gebe es von vornherein kein übergreifendes Thema, auch wähle sie die Stücke nicht nach Themen oder Fragestellungen aus. „Der Punkt ist, dass Regisseure in verschiedenen Ländern aus sehr unterschiedlichen Traditionen heraus arbeiten und unter ganz unterschiedlichen Arbeitsbedingungen zu ihrer Form finden müssen – entweder in Ensembletheatersystemen oder freien Produktionssystemen.“ Dass sich in den vergangenen drei Jahren im Nachhinein so etwas wie ein roter Faden hat herauslesen lassen, führt die vielreisende Kuratorin darauf zurück, dass sich eine (junge) Generation logischerweise manchmal mit den gleichen Fragen beschäftigt, in der gleichen Suchbewegung steckt im Verhältnis zur Welt und zur politischen Aktualität, mit der sie auf unterschiedlichste Weise umzugehen versucht.
Die Arbeiten dieser „Fast Forward“-Auflage hätten gemein, dass sie versuchen, Politik und Theater mit neuem Publikumsbezug zu verbinden, so Engelhardt. Sie setzten auf das Theater als Ort der Erzählstrategien, auf den Menschen als fantasiebegabtes Wesen, auf Denkspiele und Versuchsanordnungen sowie eine Sphäre der politischen Willensbildung.
Auch wenn sich das erst einmal recht klassisch anhört – es geht durchaus um neue Seherfahrungen und Theatererlebnisse mit Blick auf den europäischen Horizont.

Das sagt Festivalkuratorin Barbara Engelhardt über die Stücke im Einzelnen:

„Champ d‘Appel“ ist eine Kollektivproduktion, die dritte Arbeit einer Kompanie, die vor allem im Norden Frankreichs arbeitet. Der Regisseur Francois Lanel hat einen ganz spezifischen Umgang mit Texten, Theaterkonzepten. In seinen skurrilen Arbeiten spielt das Eigenleben und die magische Verwendung von Dingen eine große Rolle. Dadurch entwickelt sich ein ganz eigener Charme. Er baut darauf, dass der Zuschauer sich einbinden lässt. Kleine Bilder können auf eine unerwartbare Weise in große Fiktionen kippen, kleine Anfänge sich in großen Geschichten verlieren.
„Baal“ ist eines der Beispiele, dass sich junge Regisseure durchaus mit Literatur auseinandersetzen wollen, nicht nur auf eigene Textproduktion und zeitgenössische Texte zurückgreifen. Und es ist ein Beispiel dafür, dass ein junger Regisseur sich auch innerhalb eines Theatersystems bewegt, dafür auch ausgebildet wird. Dániel D. Kovács ist ein ungarischer Regisseur, der noch studiert. Dies ist seine Abschlussarbeit. Er hat sich „Baal“ gewidmet, und macht es meiner Ansicht anders als viele andere, die sich auf dieses frühe Stück Brechts gestürzt haben: Indem man die Figur nicht als kraftstrotzenden Anarchisten mit viel Elan, der die Welt verändern will, darstellt, sondern tatsächlich als einen desillusionierten, dekadenten in dieser asozialen Welt eigentlich nicht mehr zu rettenden Menschen. Der zwar nicht depressiv ist, aber auf eine radikale Bedürfnisbefriedigung aus ist. Es geht immer nur darum, sich das zu nehmen, was man kriegen kann, auch wenn das auf Dauer nicht glücklich macht.
„Rule“ ist eine extrem innovative Form. Hier handelt es sich um ein Spielformat im Theater. Emke Idema hat in Amsterdam Performance studiert auf einer Schule, die speziell auf originelle und innovative Theatersprache aus ist, die ihre Studenten anregt, Theater mal von einer ganz anderen Seite anzugehen. Idema hat zum zweiten Mal ein Format vorgestellt, in dem sie sowohl Politik und Theater, aber auch das Publikum im Verhältnis zur Theatersituation neu überdenkt. Es gibt keine Schauspieler im eigentlichen Sinne. Sie performt als Gastgeberin den Abend, an dem sich das Publikum insofern beteiligt, als es auf Fragen antwortet und sich im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung setzt. Das ist eine sehr spielfreudige Angelegenheit im Theater, eine sehr unterhaltsame Veranstaltung. Aber insofern sehr tiefgründig, als es um die Frage von Migration und Illegalität innerhalb der europäischen Gesellschaft geht. Diese Art der Darlegung von Funktionsweisen innerhalb einer Gesellschaft ist etwas, was ich als politisches Denkspiel verstehen würde.
„Steppengesänge“ kommt quasi aus der Nachbarschaft, ist innerhalb eines Studiums in Hildesheim entstanden. Die Regisseure machen die Fantasieleistung des Zuschauers zum Thema. Die vier sind 2013 auf eine Reise in die Lausitz gefahren, haben sich dort in der Industrielandschaft des Braunkohleabbaus umgesehen, sind zurückgekommen mit Filmen und Dokumenten, die sie erst einmal fast wie dokumentarisches Theater präsentieren. In kleinen Wiederholungsschleifen, merkt der Zuschauer plötzlich, auf welche Schiene er gesetzt wird, indem Erzählungen durch leichte Verschiebungen eine völlig andere Form annehmen, allmählich fiktionalisiert werden. Bis dann zum Schluss die Indianer durch den Raum reiten, und einen anderen Freiheitsbegriff und Sehnsuchtstraum des Nomadentums ins ursprünglich Dokumentarische hineingetragen haben. Am Ende steht „Steppengesänge“ für einen sehr feinen Umgang mit Beglaubigungsstrategien.
„Forecasting“ ist eine Produktion, die das europäische Moment sehr widerspiegelt, das viele junge Künstler inzwischen prägt. Nämlich von vornherein zu produzieren innerhalb eines Rahmens, der sich nicht mehr auf bestimmte Produktionsorte festlegt, sondern wo man sich europaweit um Partner und Aufführungsmöglichkeiten kümmern muss. „Forecasting“ hat eine lange Liste an Herkunftsländern und sich die Art des medialen Narzissmus, mit dem sich die Menschen in Videos auf Youtube darstellen, die viel über die heutige Gesellschaft erzählt, und wahrscheinlich das sein wird, was später von dieser Gesellschaft überliefert sein wird zum Thema gemacht. Das Stück thematisiert den Umgang unserer Gesellschaft mit Realität und Virtualität. Eine Performerin mit Laptop auf der Bühne begegnet der Technik in einer Art Choreografie, die wie eine Verlängerung der eigenen Körperlichkeit funktioniert. Das ergibt witzige und kuriose Bilder.
„Les Justes“, ist ein Stück von Albert Camus, fast zeitgleich geschrieben zum philosophischen Essay „Der revoltierte Mensch“. Regisseur Mehdi Dehbi hat sich mit ihm die Frage gestellt, wie weit der Mensch gehen kann, darf und will, um politische Ideale und Ideen umzusetzen. Sprich: Heiligt der Zweck die Mittel? Darf der Mensch gewaltbereit sein, um bestimmte Dinge im Namen von Solidarität, Menschlichkeit und Gerechtigkeit durchzusetzen? Er hat in diesem Stück, dass als Ideendrama bezeichnet werden kann, einen realistischen Anlass gefunden.“Les Justes“ ist die erste Arbeit eines belgischen Regisseurs, der bislang als Kinoschauspieler Erfolg hatte.
„Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte“ aus Deutschland ist gewissermaßen eine Schulproduktion. Die Abschlussarbeit von Florian Fischer ist insofern interessant, als er sich auf ein fast verschollenes Stück von Horvarth stürzt: „Die Lehrerin von Regensburg“. Das koppelt er an den aktuellen Fall des Gustl Mollath. Beide sind betroffen von einer Obrigkeitswillkür, die sie am eigenen Leib zu spüren bekommen. Die Wahrheitsfindung wird in der Inszenierung mit beiden Fällen durchgespielt. Mit aller Ambivalenz: Was ist an den Vorwürfen dran, wo aber sind die Übergriffe einer Justiz oder der Obrigkeit einer Behörde nicht mehr begründbar und gerechtfertigt.

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