Mit Gemeinschaftssinn auf der Erfolgsspur | Neue Braunschweiger
27. Oktober 2020
Sport

Mit Gemeinschaftssinn auf der Erfolgsspur

Die „Flachländer“ von Eintracht Braunschweig sind eine feste Größe im Skilanglauf

Martin Rejzek in der Spitzengruppe des Tannheimer Ski-Trails. Das Eleven-Skimarathon-Team der Eintracht holte zuletzt 2017 den Deutschen Meistertitel. Sportler wie Dirk und Daniel Debertin, Fabian und Tobias Hartig nehmen überdies in den Einzelwertungen regelmäßig Spitzenpositionen ein. Foto: privat

Braunschweig/Oderbrück. Kurze Rückblende in die 1960er Jahre. Kniebundhose, die Wollstrümpfe und der Wollpullover aus Norwegen und auf dem Kopf eine Mütze – gern selbst gestrickt und vielleicht sogar mit Bommel. „Wissen Sie, wie man uns genannt hat?“ will Peter Werner wissen und gibt gleich selbst die Antwort: „Da kommt die Zipfelmützenmafia, haben sie gerufen.“

„Sie“, das sind die Sportlerkollegen aus den anderen Sparten mit weniger auffälliger Sportbekleidung. Und die „Zipfelmützenmafia“, damit waren die Wintersportler gemeint, die sich an den Wochenenden die Ski auf den Rücken hoben, in den Zug stiegen und von Braunschweig aus in den Harz fuhren. Das waren noch Zeiten. Hört sich heute fast niedlich an und lässt das harte Training und den sportlichen Wettkampf vergessen.
„Die Eintracht war gefürchtet im Harz“, sagt Werner. Die Staffel war und ist ganz vorn dabei. Peter Werner ist seit 1962 Vereinsmitglied, bald danach kam er zum Wintersport, er hat die Skimarathonabteilung trainiert, war Sportwart, hat die gesamte Wintersportabteilung von 2003 bis 2018 geleitet, hat erlebt, wie Kniebundhose und Wollpullover atmungsaktiver Funktionsbekleidung gewichen sind, wie neue Skibindungen und Hochleistungswachse entwickelt wurden, die die Skiunterseiten glatt wie eine Teflonpfanne machen. „Es gibt immer etwas Neues, der Wahnsinn“, sagt er.
Maschinen ziehen heutzutage die Loipen in den Schnee. Das haben die Wintersportler früher selbst erledigt. Einer stapfte voran, eine ganze Reihe folgte, bis die Spur im Schnee fest war. Spaziergänger, die darin herumtrampelten, zogen mächtig Unmut auf sich. Es soll so weit gegangen sein, dass zwischen den Harzer Fichten die Fäuste flogen, aber da liegt längst Schnee drüber.

„Niemand hatte uns gesagt, dass wir uns hinten anstellen müssen.“: Peter Werner ist seit 1961 Mitglied der Wintersportsparte. Das eindrücklichste Erlebnis war seine Teilnahme am legendären Wasa-Lauf über 90 Kilometer. Er kam als 7000. über die Ziellinie – bei 13 000 Startern. Foto: Korth

Peter Werner kennt so viele Namen, erinnert sich an so viele Anekdoten, dass es manchmal schwierig wird, ihm durch die Jahrzehnte zu folgen. „Wir sitzen heute Abend noch hier“, wirft er ab und an ein oder: „Das schreiben Sie jetzt aber besser nicht.“ Dazu blitzen Blicke aus hellen Augen quer über den Tisch.
Fußball, Leichtathletik, Skilanglauf, Handball in der Bundesliga – Hauptsache Sport. Im nächsten Jahr will Peter Werner seinen 80. Geburtstag feiern. Der Mann ist fit wie der sprichwörtliche Turnschuh, seine Energie wirkt ansteckend. „Skilanglauf kann man bis ins hohe Alter machen“, sagt er. Auch zwei künstliche Hüftgelenke halten ihn nicht davon ab, auf die Bretter zu steigen. Der Skilanglauf hat offenbar Suchtpotenzial, ist bei den Werners ebenso wie bei so vielen anderen im Verein „Familiensport“. Ehefrau Annemarie fuhr bei etlichen Volksläufen mit, Tochter Martina wurde mehrfach Niedersachsenmeisterin. Feste Verbundenheit auch im Verein, die Gruppenreise zu einem der großen Wettbewerbe ist seit Jahrzehnten Bestandteil des Programms. Spitzensportler wie Dirk Debertin („Unser Erfolgreichster.“) hält der Eintracht die Treue, obwohl er heute in Karlsruhe lebt.

Der Skinachwuchs fällt nicht vom Himmel

Leute wie Peter Werner sind der Motor der Abteilung, die im Jahr 2024 ihren 100. Geburtstag feiern wird. Stolz ist er auf manchen sportlichen Erfolg, mehr aber noch auf die Menschen, die jetzt nach ihm die Abteilung nach vorn bringen. Nicht im Harz, sondern auf dem Verkehrsübungsplatz Waggum ist zu erleben, wie der Staffelstab im übertragenen Sinn längst weitergereicht worden ist. „Mein Urgroßvater hat die Wintersportabteilung gegründet“, sagt Stefan Schrader, der aktuell die Abteilung leitet. Gemeinsam mit Sportwart Markus Harke und Jugendwart Andreas Rieckmann machen sie den Skilanglaufnachwuchs mit der richtigen Technik vertraut.

Harter Asphalt, wo sonst die Fahrschüler im Auto herumkurven. Jetzt hätte Peter Werner Gelegenheit, einen seiner Lieblingsaussprüche anzubringen: „Der Skiläufer wird im Sommer gemacht.“ Beim Laufen, Radfahren und Krafttraining oder so wie heute auf Rollerski. Die Herbstferien werden für ein mehrtägiges Trainingscamp genutzt. Eingeladen dazu sind Vereinsmitglieder und die skibegeisterten Jungen und Mädchen aus den Partnerschulen, dem Wilhelm-Gymnasium und der Hoffman-von-Fallersleben-Schule. Markus Harke und Andreas Riekmann waren einst selbst Schüler am Wilhelm-Gymnasium, jetzt stehen sie als Trainer auf dem Platz. So schließt sich der Kreis.

Kooperationen bestehen überdies zu den Grundschulen Lehndorf und Schwarzer Berg. „Die Partnerschaften und der Tag der Skijugend haben uns vorangebracht“, hatte Peter Werner im Gespräch erzählt. Der Tag der Skijugend – ein Wettstreit von Schulen aus Braunschweig und dem Harz – hatte bis zu 1000 Teilnehmer. Noch unter seiner Führung begannen die Mitgliederzahlen von 105 auf nun mehr als 200 zu steigen. Was soll man sagen – es läuft gut bei den „Flachländern“. Etliche Traditionsvereine aus dem Harz schaffen es dagegen nicht mehr, überhaupt noch eine Wettbewerbsmannschaft an den Start zu schicken.

Eine Frage des Gleichgewichts

Zurück auf den Verkehrsübungsplatz, wo die Jugendlichen Runde um Runde drehen, sich einfühlen in den Rhythmus der Bewegung. „Es kommt vor allem auf das Gleichgewicht an“, sagt Markus Harke und zeigt, wie er bei jedem Schritt das Körpergewicht verlagert. Nur ein Bein ist jeweils am Boden und gleitet auf dem Ski oder Rollerski voran. Wenn er selbst loslegt, scheint er nicht mehr weit vom Abheben entfernt zu sein. Unglaublich, dieses Tempo.

Wegen Corona sind die Trainingsgruppen aufgeteilt worden. Die einen blieben in Braunschweig, die anderen fuhren in den Harz. Das Hauptquartier dort befindet sich in Oderbrück. „Unsere Hütte ist der Mittelpunkt aller Aktivitäten“, hatte Peter Werner erzählt. Dort gibt es auch ohne Schnee beste Trainingsbedingungen und Schlafgelegenheiten für mehr als 60 Personen. Vielleicht ist es die Klassenfahrtatmosphäre, die im Verbund mit dem gemeinsamen Training und den vielen Erfolgen die Basis für dieses ganz besondere Gemeinschaftsgefühl legt. Unterkühlt mögen andere und manchmal die Temperaturen sein, die Wintersportler vom BTSV Eintracht Braunschweig sind es jedenfalls nicht.

Über die Serie: 

Eine Legende hat Geburtstag: Der Braunschweiger Turn- und Sportverein von 1895 wird 125 Jahre alt. Ein Grund zum Feiern. Das tun wir mit einem Hochglanzmagazin voller blau-gelber Momente, emotionaler Höhepunkte und unvergessener Meisterschafts-Erinnerungen.
Aber – wir feiern auch den Breitensport. Aktuell sind mehr als 5200 Menschen Mitglied in „ihrem“ BTSV, sie schwimmen und turnen, sie spielen Handball, Hockey oder Basketball.
Das Jubiläumsmagazin ist ab dem 21. November im Zeitschriftenhandel erhältlich. Vorab stellen wir in der NB in loser Folge die verschiedenen Sparten vor, die der Verein – außer König Fußball – noch zu bieten hat.

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