Mit Mut und Muckis zum nächsten Einsatz

NB-Serie "Traumberufe", Teil 1: Lisa Höhnel hat die Ausbildung zur Notfallsanitäterin bei den Johannitern als Jahrgangsbeste abgeschlossen

Lisa Höhnel - hier mit Praxisanleiter Alexander Dreßlerhat - die Ausbildung zur Notfallsanitäterin bei den Johannitern mit der Traumnote 1,6 abgeschlossen. Foto: Korth

Weststadt. Kaum haben wir uns gesetzt, meldet sich der Pieper. Alexander Dreßler, Praxisanleiter bei der Johanniter-Unfall-Hilfe in Braunschweig, muss los, ein Einsatz. Arbeitsalltag für den Notfallsanitäter – immer auf dem Sprung.

Trotzdem ist es ein Traumberuf, einer, der jede Menge Verantwortungsbewusstsein, schnelle Entscheidungen, große Selbstständigkeit und hohe Belastbarkeit fordert.
Lisa Höhnel hat gerade ihre Ausbildung zur Notfallsanitäterin abgeschlossen – als Jahrgangsbeste mit der Note 1,6. Selbst wenn die Note nicht ganz so gut wäre, bei dieser Ausbildung ist die „Jobgarantie“ derzeit inbegriffen. Auch Lisa ist sofort übernommen worden, ebenso wie die zweite Auszubildende der Johanniter in Braunschweig.

Jobgarantie inklusive

Der Ausbildungsberuf „Notfallsanitäter“ ist relativ neu, es ist erst die zweite Klasse, die ihren Abschluss gemacht hat. Die Ausbildung ist deutschlandweit vereinheitlicht und qualitativ aufgewertet worden. „In engem Rahmen dürfen wir sogar Medikamente geben“, sagt Lisa. Bislang war der Rettungssanitäter die höchste Qualifizierungsstufe, mit je nach Stadt und Bundesland höchst unterschiedlich geregelten Befugnissen.

Manche in ihrer Klasse hatten zuvor nichts mit Erster Hilfe zu tun, Lisa schon: „Ich bin Rettungsschwimmerin und habe viele Dienste am Tankumsee gemacht“, sagt sie. Der Grundgedanke, anderen Menschen helfen zu wollen, gibt Kraft und Antrieb. Ein Notfallsanitäter sollte zudem „teamfähig, empathisch, konflikt- und kommunikationsfähig“ sein.
Schlaganfall, Schnittwunde oder Herzinfarkt: „Wir haben eine grobe Ahnung, was das Hauptproblem sein könnte.“ Aber die Ungewissheit fährt immer mit. „Was wirklich passiert ist, wissen wir erst, wenn wir ankommen“, sagt Alexander Dreßler. Die Rettungsleitstelle hat zuvor die notwendigsten Informationen über den Pieper übermittelt: eine Adresse, ist die Person bewusstlos, soll der Rettungswagen mit Alarm fahren.

Die Verantwortung wiegt schwer, das Notfallgepäck auch. Eher 30 als 25 Kilo schätze ich nach einer „Anprobe“, dazu kommen als Handgepäck Defibrillator oder das tragbare EKG-Gerät und damit dann hoch in den fünften oder sechsten Stock. Und wieder zurück, diesmal vielleicht mit dem Kranken auf der Trage. „Der Standardpatient wiegt so 90 Kilo. „Das ist schaffbar auch als Frau“, sagt Lisa Höhnel, „vieles ist Technik.“ Außerdem müsse sie den Kranken nicht allein wuppen. „Wir sind immer zu zweit.“

Auf den Kollegen muss Verlass sein. „Wir arbeiten ganz eng und abgestimmt zusammen“, erläutert die Notfallsanitäterin. Die Zwölf-Stunden-Schichten, die Fahrten im Rettungswagen, die gemeinschaftlich verbrachten Bereitschaftszeiten schweißen zusammen. Oft seien die Kollegen auch gute Freunde. Nach Feierabend geht es in der Laufgruppe, die Alexander Dreßler betreut, vielleicht gleich weiter. Wer nicht fit ist, hat in diesem Beruf nichts zu suchen, auch emotional müssen Notfallsanitäter einiges wegstecken können. „Es ist nicht alles schön, was wir zu sehen bekommen“, sagt Alexander Dreßler.

Empathie ist wichtig

In jüngster Zeit ist häufiger davon zu hören, dass Rettungskräfte von aufgebrachten Menschen angegangen werden. Lisa Höhnel hat das noch nicht erlebt. Mal einen blöden Spruch, mehr nicht. Als Frau sieht sie sich sogar im Vorteil. Sich in andere Menschen hineinzuversetzen, Angst, Schmerz, Panik zu fühlen und darauf einzugehen, das falle ihr eher leicht. Einfach da zu sein und zuzuhören sei ohnehin oft wichtiger, als das ganz große medizinische Besteck herauszuholen. „Wir Rettungssanitäter haben den Luxus, dass wir uns nur um einen Patienten kümmern müssen. Ich kann und darf mir so viel Zeit für den Patienten nehmen, wie er braucht“, sagt Lisa.

Übrigens: Die Johanniter in Niedersachsen bilden im nächsten Jahr 25 Notfallsanitäter aus. Bewerbungsschluss ist Ende September 2019. Info: www.besser-für-alle.de .

Info

Voraussetzungen: Mindestens der Realschulabschluss oder alternativ der Hauptschulabschluss mit zweijähriger erfolgreich abgeschlossener Berufsausbildung. Ein Führerschein der Klasse B wird oft vorausgesetzt. Die Bewerber müssen physisch und psychisch belastbar sein. Im Auswahlverfahren gibt es dazu Tests.
Dauer: Die Ausbildung dauert drei Jahre und ist bundesweit staatlich anerkannt.
Vergütung: Die tarifliche Vergütung im ersten Ausbildungsjahr liegt bei rund 980 Euro.
Die Ausbildung: In Braunschweig findet der schulische Teil der Ausbildung in der Notfallsanitäterschule des Klinikums Braunschweig statt. Statt Mathe, Deutsch oder Englisch stehen hier Kommunikation, Traumaversorgung oder Pharmakologie auf dem Lehrplan. Außerdem werden Klinikpraktika auf verschiedenen Stationen absolviert. Auf der Rettungswache sammelt der Auszubildende von Anfang an Praxiserfahrung und fährt auf dem Rettungswagen mit (im ersten Jahr als dritte Kraft).
Besonderheiten: „Es gibt keine Klausuren und keine Zwischenbenotung“, sagt Lisa Höhnel. Die Schüler müssen sich selbst gut organisieren und selbstständig ihr Lernpensum bis zur Abschlussprüfung festlegen. Das ist gewollt, denn Selbstständigkeit ist eine wichtige Eigenschaft für den Beruf des Notfallsanitäters.

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