19. März 2022
Menschen

Mit Nadel, Faden und einem offenen Ohr

Seit fast 26 Jahren betreibt Kornelia Dürheide eine Änderungsschneiderei in Cremlingen, jetzt nimmt sie Abschied

Kornelia Dürheide in ihrer Änderungsschneiderei in Cremlingen.  Foto: Birgit Wiefel

Cremlingen. Die Jalousien sind noch nicht hochgezogen, da klappt schon die Tür. „Bin ich zu früh?“, fragt die Kundin, die eine Hose über dem Arm trägt. Kornelia Dürheide winkt ab. „Kommen Sie rein.“ Die 66-Jährige ist längst gewohnt, dass sie immer „im Dienst“ ist. „Auf dem Dorf gibt es keine Öffnungszeiten“, sagt sie.

Bald ein Vierteljahrhundert betreibt Kornelia Dürheide eine Änderungsschneiderei in Cremlingen. Anfangs noch an einem Tisch im Schlafzimmer, später im eigenen Laden. Nur ein bescheidenes Schild weist auf die Geschäftsräume mitten im Ort – und doch: Sechs Tage die Woche steppt hier der sprichwörtliche Bär. „Es gibt kaum noch Schneider auf dem Land“, weiß Dürheide. „Und ich kann zuhören“, fügt sie lächelnd hinzu. Mit jedem Mantel, mit jedem Kleid bekommt sie auch gleich die Geschichte mitgeliefert.

Die Frau mit der Uniformhose ist für ihre Tochter hier. Die trägt die Hose bei ihren Einsätzen für die Freiwillige Feuerwehr und schämt sich, dass sie jetzt zerrissen ist. Wenig später steht eine junge Frau in der Umkleidekabine und steigt in ein Ballkleid. Sie habe es zum Abitur bekommen, jetzt brauche sie es für eine Hochzeit. „Leider passe ich nicht mehr hinein“, seufzt sie. Kornelia Dürheide prüft fachmännisch Schnitt, Stoff und Figur, kurvt mit dem Nadelkissen um Schneidertisch und Bügelbrett herum und beruhigt. „Das kriegen wir hin.“

Was für die Mütter und Großmütter noch selbstverständlich war, geht zunehmend verloren, hat Dürheide beobachtet. „Viele haben zwar eine Nähmaschine zu Hause stehen, aber sie nähen nicht mehr“, sagt sie über die Folgen des Ex-und-hopp-Prinzips in der Textil-Industrie. Was sie freut, ist allerdings der Trend, Dinge doch nicht gleich wegzuwerfen, sondern ihnen ein zweites Leben zu geben. „Secondhand greift immer mehr um sich – und das ist auch gut für die Schneider, denn es gibt immer etwas zu ändern.“

Dass sie vor fast 30 Jahren von Braunschweig aufs Land zog, wo jeder jeden kennt, hat sie nie bereut. Im Gegenteil. „Als mein Mann starb, wurde ich von allen aufgefangen“, ist Kornelia Dürheide heute noch dankbar. Sie singt in der Chorgemeinschaft, hat die Karnevalsgarde eingekleidet und für den Prinzen eine Weste genäht. Auch die berittene Polizei klopft regelmäßig bei ihr an, denn Dürheide ist eine der wenigen Schneiderinnen, die Pferdedecken repariert. Nach drei Jahrzehnten ist Dürheide festes Mitglied der Dorfgemeinschaft, nicht mehr auf der Straße gegrüßt und in einen Plausch verwickelt zu werden, würde ihr heute fehlen.

Und dennoch muss und will sie Abschied nehmen. Nicht von Cremlingen, aber von ihrem Geschäft. Die Beine, Augen und Finger machen nicht mehr mit. Die fünffache Großmutter sucht deshalb zu Mai einen Nachfolger – auch wenn’s schwer fällt. „Mit der Vermieterin ist alles geklärt. Das Gewerbe sollte weder laut sein noch riechen, ein Schuster oder ein Imbiss fallen also raus“, sagt Dürheide lächelnd. Ihr größter Wunsch: „Dass meine beiden Angestellten übernommen werden.“
Wer sich für das Ladenlokal in der Hauptstraße 20 interessiert, kann direkt bei Kornelia Dürheide unter kornelia.de@web.de anfragen.

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