Mit Zeitverzug: Zweite Welle rollt aufs Klinikum zu | Neue Braunschweiger
20. November 2020
Gesundheit

Mit Zeitverzug: Zweite Welle rollt aufs Klinikum zu

Professor Dr. Peter Werning, Chefarzt für Anästhesie am Klinikum Braunschweig, im NB-Gespräch über das Krisenmanagement in Coronazeiten

Ein Beatmungsplatz im Klinikum. Die Kapazitäten sind fast verdoppelt worden. Die Technik ist da, das Personal hoffentlich auch,wenn die Patientenzahlen steigen. Foto: Peter Sierigk / Klinikum BS

Braunschweig. Die Politik denkt über weitere Maßnahmen nach, das Coronavirus auszubremsen, in den Intensivstationen werden Ausstattung und Auslastung genau unter die Lupe genommen, um für das Schlimmste vorbereitet zu sein. Professor Dr. Peter Werning, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie am Klinikum Braunschweig, hat es direkt mit den Patienten zu tun, die schwer an Covid-19 erkrankt sind und künstlich beatmet werden müssen. Im NB-Gespräch nimmt er eine klare Haltung zwischen Verharmlosung einerseits und Panikmache andererseits ein.

Es geht um Zahlen und mehr noch um Menschen. Bei aller Professionalität – wie gehen der Arzt und seine Kollegen eigentlich mit Angst und Unsicherheit vor Ansteckung oder Überlastung um? „Geordnet und sehr rational, ja, ich würde sagen, cool“, sagt der Professor. „Wir haben aus der ersten Welle gelernt, damals wussten wir wirklich nicht, was auf uns zukommt und ob wir nicht gleich selbst Patienten sind.“ Die Ängste ernst zu nehmen und darüber zu diskutieren, habe geholfen, mit der Situation umzugehen.

Professor Dr. Peter Werning, Chefarzt für Anästhesie, ist während der Pandemie viel mit Steuerungsaufgaben beschäftigt. Foto: Nick Neufeld / Klinikum Braunschweig

„Sars-Covid-2 ist hoch ansteckend“

„Mittlerweile wissen wir noch nicht alles über das Virus, aber viel mehr“, sagt Werning. Eine Erkenntnis: „Sars-Covid-2 ist hoch ansteckend, das ist nicht verhandelbar.“ Menschen, die sich gegen Kontaktbeschränkung oder Maskenpflicht auflehnen, kann er vor diesem Hintergrund schlicht nicht verstehen. Das Virus übertrage sich ganz wesentlich über die Atemwege, über Aerosole in der Atemluft hinein in den Körper. Das gilt es zu verhindern. Eben mit Hygiene, mit weniger Kontakten, Abstand und Maske. Werning erinnert an eine Krankheit, die den gleichen Weg geht: die Windpocken. „Die heißen Windpocken, weil sie sich über die Luft verbreiten.“ Selbst nach zwei Stunden können noch so viele Erreger in der Raumluft sein, um jemanden anderen anzustecken.

Die Ruhe vor dem Sturm

Es ist nur eine Momentaufnahme: Am Mittwoch werden 19 Patienten stationär im Klinikum wegen Covid-19 behandelt, vier sind schwerst erkrankt, liegen auf der Intensivstation, drei müssen beatmet werden. Aus der hohen Ansteckungsgefahr ergebe sich die zwingende Notwendigkeit, sie von anderen Patienten zu separieren, sagt Werning, aber die Behandlung an sich sei nicht komplizierter. Mit so einer Äußerung macht Werning sich unbeliebt, das weiß er. „Die Kollegen werden mich steinigen“, sagt er, aber letztendlich handele es sich um eine Viruspneumonie wie sie auch durch Influenza oder die verschiedenen Sars-Cov-Viren in der Vergangenheit ausgelöst worden ist. „Das ist nichts Neues, nur der Erreger ist neu“, betont Werning.

Auch im nächsten Jahr noch ein Thema

Trotz hoher Ansteckungsgefahr und hoher Sterblichkeit (bislang um die 1 Prozent) ist Sars-Cov-2 zum Glück nicht so gefährlich wie beispielsweise Ebola. Daran stirbt jeder, der es bekommt. Entwarnung kann dennoch nicht gegeben werden. Jeder, der sich infiziert, verbreitet das Coronavirus zwei Tage weiter, bis er selbst frühestens Symptome hat. Dieser zeitliche Verzug ist nicht aufzuholen. „Wir werden diese Pandemie durchleben müssen“, sagt Werning. Auch im nächsten Jahr wird sie uns noch beschäftigen: „Entweder sind wir beim Aufräumen oder noch mittendrin.“ Auch nach den jüngste Meldungen über Impfstoffe bleibt der Chefarzt vorsichtig. Sind die Meldungen seriös? Wie gut ist die Verträglichkeit? Ist der Impfstoff lieferbar? Werden die Menschen sich in der Mehrzahl impfen lassen? Zu viele Fragezeichen. Mit Prognosen hält der Chefarzt sich deshalb zurück.
Die Pandemie hat unser und sein Leben verändert. „Hätte mir das jemand vor einem Jahr erzählt, ich hätte ihn ausgelacht“, sagt Werning. „Das ist Kino“, hätte er gedacht. Sein Arbeitsalltag ist heute ein ganz anderer als zuvor. Nicht, was die medizinische Versorgung der Patienten anbelangt. Völlig neu aber sei die Aufgabe, medizinische Kapazitäten zu steuern und zu koordinieren. Wenn Werning mit der Organisation fertig ist, dann ist ein halber Arbeitstag ‘rum.

Patientenzahlen werden nun steigen

Die Höchststände der zweiten Infektionswelle werden sich nun nach und nach mit steigenden Patientenzahlen in den Kliniken abbilden. Ende November, Anfang Dezember, das werden spannende Zeiten. Das Klinikum verfügt über 72 Planbetten für die Intensivmedizin, mit großen Anstrengungen würden weitere 70 vorgehalten. „Dafür aber brauchen Sie Ärzte und Pflegekräfte“, nennt Werning den limitierenden Faktor. Keiner weiß, wie viele Mitarbeiter in Zukunft selbst krank sein werden. Und nicht alle Kapazitäten stehen allein für Covid-Patienten bereit. Und was ist mit den den Unfallopfern, fragt Werning, den Krebskranken, den Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten? Sie intensivmedizinisch zu versorgen, ist die Aufgabe des Klinikums als Maximalversorger. Diese Notfälle lassen sich nicht verschieben. Dafür ist die Zahl der Betten eigentlich ausgelegt. Werning: „Die Herausforderung wird sein, alles so zu managen, dass wir auch unser Normalgeschäft noch erledigen können.“ Ein Spagat in medizinischer, ethischer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht.

Weihnachtsfest im Krankenhaus

Eines weiß der Chef der Anästhesiologie sicher, nämlich wo er Weihnachten verbringt. „So oder so im Krankenhaus, entweder als Patient im Bett oder als Arzt auf Visite“, fasst er es überspitzt zusammen.

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