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Model-Jobs für Jedermann: Hauptsache „echte Typen“

Zweimal im Jahr lädt der Braunschweiger Hanno Keppel Interessierte zum Casting in sein Studio ein – Die NB waren mit dabei

Renate als Miss Moneypenny mit einem James Bond-Double

Weststadt. Zweimal im Jahr ist im Fotostudio von Hanno Keppel auf dem Großmarktgelände richtig was los. Wenn der Braunschweiger Fotograf zum regionalen Casting aufruft, möchten viele gern mal vor seiner Kamera posieren. Dass eine große Modelkarriere daraus wird, ist eher unwahrscheinlich. Aber vielleicht der ein oder andere Auftrag, der Spaß macht, Abwechslung in den Alltag und auch ein bisschen Selbstbestätigung bringt, wenn man für ein Shooting ausgewählt wird.

„Wir suchen ganz normale Menschen, die einfach Spaß daran haben, in die Kamera zu lachen oder auch mal kurios zu sein. Das Alter und die Konfektionsgröße spielen überhaupt keine Rolle. Im Gegenteil, unsere Kunden schätzen echte Typen“, erläutert Hanno Keppel. Wer am Casting teilnimmt, kommt kostenlos in seine Kartei und darf auf einen Job hoffen.
Die gebürtige Bulgarin Yuliya Kudinova (27) hat früher in ihrer Heimat schon einmal vor der Kamera gestanden und gemodelt. Jetzt würde sie gern an diese Erfahrung anknüpfen – zum Spaß, denn beruflich möchte die junge Frau, die internationale Wirtschaftsbeziehungen studiert hat, auch in diesem Bereich Fuß fassen.

Völlig unerfahren dagegen ist Uwe Schreiweis: „Ich habe so was noch nie gemacht. Aber wenn nicht jetzt, dann wird das nie mehr was. Ich wollte einfach mal was anderes machen“, erzählt der Unternehmensberater aus Vordorf, der in der NB vom Castingtermin gelesen hat. Keppel ist angetan von den „schönen grauen Haaren“ des 56-Jährigen. „Grinsen!“ fordert er ihn auf. „Noch mehr!“ Schreiweis gibt sich Mühe: Daumen hoch, Arme verschränken – er macht gehorsam alles mit.
Beim Thema Casting hatte ich eigentlich Heidi Klums „Germanys Next Topmodel“ im Kopf, aber ganz entgegen meiner Erwartung wimmelt es an diesem Sonntagnachmittag hier nicht von aufgestylten weiblichen Teenies. Seit acht Jahren lädt Hanno Keppel zu seinem „Casting38“ ein. Aktuell hat er knapp 1000 Köpfe in seiner Kartei – eine bunte Mischung im Alter von drei bis 82.

Diese Datenbank mit allen potenziellen Models ist online in einem passwortgeschützten Bereich zugänglich. „Meine Kunden und Werbeagenturen suchen darin aus. Das System mailt mir dann automatisch die digitalen Setcards und mein Team ruft die Ausgewählten an und fragt, ob sie Zeit und Lust haben“, erklärt der Fotograf. Kommt ein Shooting zustande – gibt es je nach Umfang und Dauer auch eine Vergütung.

Renate K. (70) aus Salzgitter, landete per Zufall in der großen Model-Kartei. Beim Stadtbummel sprach eine Mitarbeiterin der Verkehrsbetriebe sie an und drückte ihr Keppels Visitenkarte in die Hand: „Genau so jemanden wie Sie suche ich für unsere Werbung“. Das wurde Renates erster Auftrag, viele weitere folgten. In der letzten Zeit vor allem mit Ehemann Peter (76), der auch ins „Business“ einstieg: Prospekte, Kataloge, Broschüren, Anzeigenwerbung, Plakate und sogar Videoaufnahmen – die beiden kommen im Doppelpack ausgesprochen gut an.

Monika Klyk (50) war 2015 zum ersten Mal da – ohne allzu große Erwartungen, einfach mal so. „Ich dachte, es werden ja ganz normale Leute gesucht, das kann ich doch mal versuchen“, erzählt die medizinische Fachangestellte. Auch wenn sie bisher keinen Auftrag für ein Shooting bekam, erneuerte die attraktive Wolfsburgerin ihre Bilder 2017 und jetzt wieder. Denn wer nach zwei Jahren nicht erneut zu einem Casting kommt und in dieser Zeit keinen Job hatte, dessen Daten werden komplett gelöscht.

Auch Gernot Hauer ist schon zum zweiten Mal da. „Diesmal bin ich aber vorbereitet“, erklärt der ehemalige Verwaltungsangestellte und zeigt den Inhalt seiner Plastiktüte: Ein Käppi mit der Aufschrift ‚Braunschweig‘ und einen großen Schraubenschlüssel. Mit dieses Accessoires posiert der Rentner in Jeanskluft cool vor Keppels Kamera. „Vielleicht nimmt mich ja VW oder irgendeine Werkstatt für eine Werbung“, das wär’s doch mal“, schmunzelt der Braunschweiger und hofft: „Wenn ein paar Euros dabei rumkommen, umso besser!“

Elfriede Ratzke ist quasi als Testerin gekommen. „Eigentlich wäre das ja was für meine Enkel, dachte ich, aber meine Kinder waren total skeptisch“, erzählt sie. Kurzerhand beschloss die 74-Jährige, das Ganze am besten einmal selbst unter die Lupe zu nehmen. Vor der Kamera bewegt sie sich völlig natürlich, lächelt gekonnt. „Ich bin Arzthelferin gewesen, da geht das in Fleisch und Blut über“, strahlt die sympathische Rentnerin.

Luisa (20) und Anja Bohs (52) fotografiert Keppel zunächst einzeln, dann als Gespann: „Nehmt euch doch mal in den Arm, man darf ruhig sehen, dass ihr Mutter und Tochter seid,“, fordert er die beiden auf. „Das hat echt Spaß gemacht“, finden die angehende Tourismus-Kauffrau und die Sachbearbeiterin danach – dabei hatte Luisa ihre Mutter erst überreden müssen.
Am Ende sind es 92 neue Gesichter, die Keppel in seine Kartei aufnimmt. Für jeden gibt eine Setcard mit den wichtigsten persönlichen Daten: Name, Alter, Körpergröße, Job und Konfektionsgröße.

Am Ende hab ich mich selbst übrigens auch ablichten lassen – um zu sehen, wie es sich anfühlt, vor der Kamera zu posen. Schauen wir mal, ob ich tatsächlich Karriere-Chancen als Model habe …

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