„Musik war unser Sehnsuchtsort“

Tocotronic, Deutschlands literarischste Band, spielt zum Auftakt einer neuen Livemusik-Reihe im Staatstheater

Die Gruppe Tocotronic macht den Auftakt der Reihe „GroßerHausBesuch“, die vom Staatstheater Braunschweig und dem Hauptsponsor Volkswagen Financial Services initiiert wurde. Foto: Michael Petersohn/Staatstheater Braunschweig

Braunschweig. Sie kamen, um sich zu beschweren, forderten „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und sind jetzt bei der „Unendlichkeit“ angekommen. Tocotronic, 1993 in Hamburg gegründet, avancierte über die Jahre von der (selbst-)ironischen, parolenhaften und energetisch-minimalistischen Indierock-Gruppe zur streitbaren Diskurspop- und Intellektuellen-Breitwand-Band.

Ihr aktuelles, zwölftes Album „Die Unendlichkeit“, ist eine biografische Coming-of-Age-Reflexion und zugleich ihr zweites Nummer-Eins-Werk. Am Samstag, 9. November, sind sie live zu Gast im Großen Haus des Staatstheaters Braunschweig. Die NB unterhielt sich vorab mit Tocotronic-Bassist Jan Müller.

Jan, hätten Tocotronic 1993 das aktuelle Album „Die Unendlichkeit“ gehört, was hätten sie davon gehalten?
Da diese Typen damals schon einen ausgesprochen guten Musikgeschmack hatten, wären sie begeistert gewesen.

Wollt ihr immer noch Teil einer Jugendbewegung sein? Inwieweit fühlt ihr euch dieser neuen digitalen Jugend noch nahe und verpflichtet?
Rockmusik bedeutet ewige Pubertät. Insofern: ja!

Wie schön und wie schmerzhaft war für euch die Auseinandersetzung mit eurer eigenen Jugend auf dem aktuellen Album „Die Unendlichkeit“?
Es war schön und bisweilen schmerzhaft, genau wie sie es hier beschreiben. Gleichzeitig war die Arbeit sehr präzise, fast wie eine archäologische oder ethnologische Forschungsreise. Graben, graben, graben, bis man zum Kern der Sache vorstoßen kann. Da kriegt man dann natürlich Rückenschmerzen.

Wie viel Rebellion steckt noch in den reifen, erwachsenen Tocotronic?
Vielleicht kann man es so sagen: Unsere Wut hat sich über die Jahre kanalisiert und ist einem präziseren, analytischeren und vielleicht auch poetischeren, liebevollerem Blick gewichen. Das finden wir gut, da Begriffe wie „Rebellion“ und „Revolution“ mittlerweile leicht von rechts vereinnahmt werden können und dies leider auch geschieht. Stichwort: „konservative Revolution“ und ähnlicher Scheißdreck. Noch eine allgemeine Beobachtung: Es kommt vor, dass sich Kulturschaffende das Attribut „wütend“ verpassen und dadurch selbst adeln. Oftmals handelt es sich bei diesen aber lediglich um Choleriker und übellaunige, machtbesessene Stinkstiefel.

„Das Private ist politisch“ lautet eine alte Parole. Wie politisch sind Tocotronic 2019?
Diese Parole stammt von der großartigen Regisseurin Helke Sander und beschrieb seinerzeit den Widerspruch zwischen politischen Aktivismus und gleichzeitigem Mackertum der männlichen Protagonisten der 68er Generation. Stichwort: Auf der Straße den Revolutionär geben, während zu Hause die Frau den Abwasch machen muss. Nun zu uns: Wenn hier einer den Abwasch macht, dann sind wir es!

Die 90er Jahre waren geprägt vom politischen Umbruch mit der Wiedervereinigung. Heute geht es mit dem Brexit in eine andere Richtung. Braucht die Welt genau jetzt eine Band wie Tocotronic?
Kein Mensch (und die Welt erst recht nicht) „braucht“ Popmusik. Aber ohne wäre es irgendwie auch doof, oder?

„Die Unendlichkeit“ ist eure zweite Nummer-eins-Platzierung in den deutschen Album-Charts (nach „Schall & Wahn“). Welche Bedeutung hat das für euch?
Es ist schön, wenn sich die harte Arbeit auch in Verkaufszahlen niederschlägt, aber den größeren und nachhaltigeren Erfolg und die damit verbundene Freude erleben wir immer im künstlerischen Gelingen. Wenn unser versponnenes Konzept „aufgeht“ wie eine Gleichung. Das klingt ein bisschen kokett und abgedroschen, ist aber so.

Ihr seid schon öfter in Theatern aufgetreten. Was ist für euch das Besondere an diesen Locations? Wie richtet ihr eure Setlist darauf aus?
Es ist schön an Orten aufzutreten, die vom üblichen Rock-Club- oder Hallenschema abweichen. Teile der Band sind Theaternarren und freuen sich immer, einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können. Die Songauswahl ändert sich eigentlich wenig, man muss sich nur spielerisch ein wenig auf die veränderte Raumakustik und Betrachter-Innenposition einstellen.

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