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Nachgehakt: „Leichen sind nichts für Kinder“

NB-Leserin besuchte Vortrag von Forensiker Dr. Mark Benecke und ärgerte sich

Forensiker Dr. Mark Benecke. Foto: Veranstalter

Braunschweig/Berlin. Maden, Leichen, Tatorte – alles schön plakativ, alles schön großformatig im Bild: Ist das ein Thema für Kinder oder werden hier am Ende Grenzen überschritten?

Diese Frage beschäftigten eine NB-Leserin, die einen Vortrag des Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke in der Stadthalle besuchte. Titel: „Blutspuren“. Mit seinem Programm tourt der Forensiker derzeit durch ganz Deutschland. Fast alle seine Veranstaltungen sind ausgebucht.

„Dr. Mark Benecke ist ein anerkannter Forensiker, seine Vorträge sind mehr als reine Unterhaltung, sie sind Infotainment“, bestätigt die Leserin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Dennoch: Für Kinderaugen seien die Bilder, die der Wissenschaftler zu seinen Geschichten lieferte, nichts – und doch sei genau das an diesem Abend passiert. „Schräg vor mir saß eine Familie mit ihrem schätzungsweise siebenjährigen Sohn“, erzählt die Leserin, die in der Kinderheilkunde arbeitet und zutiefst schockiert war. „In der Pause wandte ich mich an Dr. Benecke und den Veranstalter, erzählte von meiner Beobachtung und bat sie, sich an die Eltern zu wenden. Doch beide wirkten genervt, wimmelten mich ab“, erzählt die Leserin verärgert. Als die Veranstaltung ohne Reaktion fortgesetzt wurde, verließ sie schließlich den Saal. „Es ist mir unbegreiflich, wie ein Veranstalter so etwas dulden kann: In dem Vortrag sah man verwesende Leichen, abgeschnittene Finger – und dann wird ein Kind mit solchen Bildern ins Bett geschickt?!“

Wir haben beim Veranstalter, dem städtischen Jugendschutz und beim C1-Chef Frank Oppermann nachgehakt.

„Für die Veranstaltung von Dr. Marc Benecke gab es keine Altersbeschränkung“, betont Michael Richter vom Veranstalter Gigolo Enterprises aus Berlin. „Wir geben lediglich Empfehlungen – in diesem Fall ein Alter von 16 Jahren – und beraten, wenn wir angefragt werden.“ Der Forensiker hielte keineswegs nur Vorträge für Erwachsene, sondern auch für Kinder. „Wir haben die Besucherin außerdem nicht abgewimmelt, sondern darüber informiert, wie so etwas abläuft. Letztlich müssen die Erziehungsberechtigten anwesend sein – was hier der Fall war – und selbst entscheiden, was ihrem Kind zumutbar ist und was nicht“, wehrt sich der Veranstalter.

Kein Verstoß gegen das Jugendschutzgesetz also? „Formell nicht“, bestätigt Thomas Seliger vom städtischen Fachbereich Kinder, Jugend und Familie, Abteilung Jugendschutz. „Nur was gesetzlich geregelt ist, kann im Sinne des Jugendschutzes auch verboten werden – das trifft auf diese Art von Veranstaltung nicht zu.“ Thomas Selinger kann die Irritation dennoch nachvollziehen. „Die Vorstellungen, was moralisch oder erzieherisch noch vertretbar ist, ändert sich laufend. Nehmen Sie die Freizügigkeit, die heute auf der Bühne oder im Film herrscht: In den 50er Jahren wäre das unvorstellbar gewesen“, so Seliger. Ohne Frage sieht auch der Jugendschützer die Eltern in der Pflicht: „Sie müssen sich vorher Gedanken darüber machen, ob ihr Kind schon reif genug ist für einen Vortrag dieser Art oder nicht, ob es sensibel und ängstlich reagiert oder eher interessiert.“

Tatsächlich keinen Verhandlungsspielraum haben Kinobetreiber wie C1-Chef Frank Oppermann. „Die Filmwirtschaft hat sich zu einer freiwilligen Selbstkontrolle, kurz FSK, verpflichtet. Die Altersangaben, die dort für Filme vergebenen werden, sind für mich bindend und werden am Einlass sorgfältig geprüft“, betont Oppermann. Einzige Ausnahme: „Filme ab 12 Jahre dürfen auch Jüngere sehen, sofern sie von einem Erziehungsberechtigten begleitet werden“ , so Oppermann.

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Ihre Birgit Wiefel

 

 

 

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