NB-Stadtteilserie: Wenden, Thune, Harxbüttel

Hier soll die „Neue Mitte“ wachsen

Die Veltenhöfer Straße führt mitten durch das neue Baugebiet. Die Planungen dafür haben vor mehr als zehn Jahren begonnen. Die Straßenbahn wurde deshalb damals schon bis zum Heideblick geführt.  Fotos: Marion Korth

Große Pläne bestehen derzeit in Wenden, wo das Baugebiet West entwickelt werden soll.

Wenden. „Der Stadtbezirk 323 ist lebenswert.“ Stadtbezirk 323, dieser Begriff hört sich kühl und amtlich an, dabei spricht Stadtbezirksbürgermeister Hartmut Kroll aus vollem Herzen und vollster Überzeugung.

Der ehemalige Schulleiter und SPD-Politiker bringt menschlich zusammen, was streng genommen nicht oder doch nur kurz zusammengehört. Gemeinsamkeiten fördern, Gleichmacherei vermeiden ­ – nach dieser Devise klappt es ganz gut mit der politischen Interessenvertretung der Menschen in Braunschweigs Norden.

„Man darf nicht vergessen, dass Thune, Wenden und Harxbüttel jeweils eine 1000-jährige Geschichte haben“, sagt Kroll. Gegen die Eingemeindung haben sich alle drei Orte vehement zur Wehr gesetzt und gehören dennoch seit dem 1. März 1974 zur Stadt Braunschweig.

Die drei Orte sind nach dem Zweiten Weltkrieg und in den vergangenen Jahren stark gewachsen, ihre eigene Identität haben sie sich bewahrt. Das soll so bleiben, auch wenn aktuell das große neue Baugebiet Wenden West entwickelt werden soll. Hartmut Kroll fordert für die SPD-Fraktion im Stadtbezirksrat „ein gutes Gleichgewicht zwischen Wohnbebauung, Naherholungsflächen, Gewerbegebieten und Infrastruktur“.
Die Einwohnerzahlen müsse nach Augenmaß wachsen, um eine Integration in die bestehende Dorfgemeinschaft zu ermöglichen.

Die Forderung nach Möglichkeiten des seniorengerechten Wohnens soll größer gedacht werden.
Die Idee geht hin zu einer „Neuen Mitte“, in der Platz für ein barrierefreies Dorfgemeinschaftshaus ist, die Bezirksgeschäftsstelle der Stadt neue, angemessene Räume findet und eventuell ein neu zu bauender Kindergarten als Ersatz für das sanierungsbedürftige Gebäude in der Rathenowstraße entstehen kann.

Auch der Festplatz, so die Überlegung, sollte dorthin umziehen. Es sei jetzt an der Zeit, dass die Verwaltung über den Stand der Planungen informiert und die Bürger einbezieht, sagt Kroll.
Seine Meinung: Wachstum ja, aber ohne die Belastungen für die ansässigen Bewohner im Ort noch weiter zu verschärfen. Schon jetzt ist die Hauptstraße in Wenden dem vielen Verkehr kaum noch gewachsen. Überdies ist sie in einem miserablen Zustand, was auch für die Nebenanlagen gilt. „Da hilft keine Flickschusterei mehr“, meint Hartmut Kroll.

Nach mehreren Rohrbrüchen sei klar, dass auch die Kanäle nicht mehr in bestem Zustand sind.
Hier sei die Stadt gefragt, für eine gute Planung, die auch die Busanbindung der Hauptstraße und die Bedürfnisse der Radfahrer einbezieht, und nicht zuletzt für die Finanzierung. Schon jetzt sorgen sich Anlieger wegen einer möglichen Kostenbeteiligung.

Damit Bus und Straßenbahn zu einer echten Alternative zum Auto werden, müssten Harxbüttel und Thune besser angebunden werden. „Der Takt stimmt nicht“, sagt Kroll. Anruftaxis füllen die Lücke seiner Meinung nach nur unzureichend.

In den Außenbezirken sei es schwierig, aufs Auto zu verzichten, entsprechend hoch ist die Fahrzeugdichte und die damit verbundenen Probleme. Speziell in Wenden und Thune mangelt es an Parkraum. Und wenn dann die Eintracht noch ein Heimspiel hat, dann herrsche am Heideblick, wo sich die Straßenbahnhaltestelle befindet, das reinste Chaos.

Baustellen gibt es also genug, und die Lösungen liegen nicht alle auf der Hand. Aber das ist kein Vergleich mit der Situation in Thune, wo der Interessenausgleich zwischen Bürgern und Eckert & Ziegler kaum möglich scheint.
„Ich bin selbst bei der BISS“, sagt Hartmut Kroll. Die Bürger wünschen sich, dass ihre Interessen mehr Gewicht erhalten, das Unternehmen hingegen beruft sich auf einst erteilte Genehmigungen.

Kroll: „Ein großes, ein offenes Thema.“ Er bleibt dran und weiß: „Da haben wir noch viel zu tun.“
Wenden West
Das neue Baugebiet mit einer Größe von 82 Hektar soll je etwa zur Hälfte Platz für Wohnhäuser und Gewerbebetriebe bieten. Letztere sollen zur A 2 hin ausgerichtet werden, so dass die Wohnhäuser durch mehr Abstand vor Lärm geschützt sind.

„In 42 Jahren nur positive Eindrücke“

Hartmut Kroll war seit 1992 bis zu seiner Pensionierung Schulleiter in Wenden. Seine Lehrerlaufbahn begann er an der Integrierten Gesamtschule in der Weststadt, deren pädagogisches Konzept ihn als „68-er“ überzeugte.
Der Sport spielt in seinem Leben eine große Rolle. Kroll kam vom Fußball zum Tennis und fährt gern Rad, ist zudem Präsidiumsmitglied des Stadtsportbundes und Mitglied in zahlreichen Vereinen.

In der Kommunalpolitik ist das SPD-Mitglied seit vielen Jahren aktiv und etablierte 2011 eine „bunte Koalition“ aus SPD (3 Sitze) sowie Grünen und BiBS mit je einem Sitz. Die CDU verfügt über vier Sitze. Über sich sagt Hartmut Kroll: „Ich bin hier bekannt wie ein bunter Hund“. Wir baten ihn, einige vorgegebene Sätze zu vervollständigen.

Ich bin (meistens) gern Stadtbezirksbürgermeister, weil …
… ich, auch geprägt durch meinen beruflichen und politischen Werdegang, gern das Gespräch und den Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern suche, Bedürfnisse und Forderungen aufnehme und vermittelnd in Rat und Verwaltung agiere. Dabei kommt mir besonders zugute, dass ich über meine langjährigen Tätigkeiten in allen Bereichen gut vernetzt bin.

Ich freue mich immer wieder über …

… Offenheit und Spontaneität der Bürgerinnen und Bürger mit der sie jederzeit und bei jeder Gelegenheit an mich herantreten und die positive Resonanz auf das verantwortungsvolle politische Handeln im Sinne und zum Wohl unseres Stadtbezirks.
… das hervorragende Engagement und die kooperative Bereitschaft aller Vereine und Gliederungen, die ein vielfältiges Freizeitangebot für alle Altersgruppen vorhalten und im Stadtbezirk regelmäßige Treffen und besondere Events veranstalten, die zur Förderung der Gemeinschaft und des Miteinanders dienen.
Politisch liegt mir besonders am Herzen, dass …
… der offene Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern fortgeführt wird, eine konstruktive Zusammenarbeit aller Mitglieder im Bezirksrat weiterhin stattfindet und unsere Interessen zum Wohle des Stadtbezirks auch von den politischen Gremien im Rat der Stadt aufgenommen und positiv begleitet werden.

Ich würde wieder nach Wenden ziehen, weil …
… ich aus 42 Jahren Wohnen in Wenden nur positive Eindrücke gewonnen habe: Versorgung im Ort, schnell in der Stadt mit dem ÖPNV, schnell in der Heide und viele soziale Kontakte.

 

Interview mit Stadtbezirksbügermeister Hartmut Kroll

 

Flüssiges Gold und ein Ritter mit Goldhelm

Heimatkundliche Schatzsuche fördert im Norden Braunschweigs Erstaunliches zutage

Heimat ist da, wo man sich wohlfühlt. Und Heimat hat so viel zu erzählen. Britta Breuckmann geht auf Entdeckungsreise durch Braunschweigs Stadtteile und spürt Interessantes aus der Geschichte und so manche Anekdote auf, die im Spätherbst diesen Jahres gesammelt als BZV-Buchtitel erscheinen werden.

Thune

Wer schon einmal Thune besucht hat, dem werden zweifelsohne die zahlreichen sogenannten „nickenden Pferdeköpfe“ (oft auch „Nickesel“ genannt) aufgefallen sein, die hier und da vereinzelt zu entdecken sind: In Thune wird seit über sechzig Jahren Erdöl abgebaut. Die erste fündige Bohrung geht auf das Jahr 1955 zurück. Weit über eine Million Tonnen des flüssigen Goldes wurden seither bereits gefördert. Bei MLK 223 des Mittellandkanals, der Thune und Wenden voneinander trennt, befindet sich der Ölhafen.

Wenden

Wie in Thune, so gab es auch in Wenden ab dem 12. Jahrhundert eine Burg: Das reiche und bedeutende Adelsgeschlecht „derer von Wenden“ konnte eine Ansammlung weniger Hofstellen um das „Castellum Wenden“ herum ihr eigen nennen – eine Kranenburg an der Schunter. Unter anderem machte sich der Ritter Liudolf von Wenden einen Namen, indem er sich als Gründer und Stifter des Zisterzienserklosters in Riddagshausen im Jahr 1145 hervortat.
Auch von einem Balduin von Wenden wird berichtet, der Legenden zufolge als „Ritter mit dem Goldhelm“ bekannt wurde. Das gleichnamige Gemälde Rembrandts spiegelt jedoch nicht sein Antlitz wider und ist auch erst rund 300 Jahre später entstanden.

Harxbüttel

Harxbüttel liegt direkt an der Schunter und wurde höchstwahrscheinlich im Zuge der Schunterbefestigungen gegründet. Bis 1861 lag der Ort ursprünglich noch auf einer Insel. Da exakt an diesem Ort die Schunter die Grenze zwischen Braunschweig und Gifhorn bildet, wurde im Jahr 1430 zum Schutz des Schunter-übergangs ein Bergfried errichtet und die komplette Insel mit einer Palisade umgeben. Der namensgebende Hof wurde 1480 in drei gleich große Höfe aufgeteilt, die bis heute den historischen Ortskern bilden.

Dieses Bild sagt eigentlich alles. Der Mittellandkanal bei zieht Freizeitsportler zu Landes und zu Wasser an. Mit dem Rad kann man von Thune aus zum Tankumsee bei Isenbüttel im Landkreis Gifhorn fahren. Foto: Britta Breuckmann
^