„Nr. 1“ hat sich nicht brechen lassen | Neue Braunschweiger
2. Oktober 2020
Menschen

„Nr. 1“ hat sich nicht brechen lassen

30 Jahre Wiedervereinigung: Hubert Peuker ist als Zeitzeuge der Vergangenheit unterwegs

Hubert Peuker erzählt etwa 50 Schülerinnen und Schülern der BBS Helmstedt von seinem Kampf gegen das DDR-Regime. Er floh, wurde zum Fluchthelfer und als solcher in der DDR verhaftet, verurteilt und eingesperrt. Heute ist er als Mahner unterwegs. Foto: Erik Beyen

Helmstedt/Braunschweig. 30 Jahre sind eine lange Zeit. Für manchen Menschen rückt die Geschichte des geteilten Deutschlands damit in nicht greifbare Ferne. Und mancher, der einst jenseits des eisernen Vorhangs lebte, neigt dazu, das System der DDR ein Stück weit zu verklären. Das will Hubert Peuker verhindern.

Er ist ein gefragter Zeitzeuge, denn seine Lebensgeschichte spielt auf beiden Seiten, hüben wie drüben.
Wir trafen den heute 67-Jährigen bei einem Vortrag vor etwa 50 Schülern der Berufsbildenden Schulen Helmstedt (BBS). Drei Stunden entführte er die jungen Leute in eine Welt, die eher einem Polit- und Psychothriller gleicht, im Falle Peukers mit gutem Ende. Er hat sich nicht brechen lassen.

Ein kurzer Abriss: Peuker ist gebürtiger Braunschweiger, wuchs aber in der DDR auf, floh als Jugendlicher von dort zurück in den Westen, wurde zum Fluchthelfer und als solcher in der DDR verurteilt und eingesperrt. Eben diese Geschichte beginnt im frühen Nachkriegs-Braunschweig von 1953, Peukers Geburtsjahr. „Ihr müsst euch das so vorstellen: Der Krieg war gerade überstanden, aber es gab kaum wirtschaftliche Überlebenschancen“, erzählte er, und diese Worte klangen fast nach einer Entschuldigung für seinen Vater. Dessen Familie lebte in Gera, die der Mutter in der Schweiz. In Braunschweig sah das Familienoberhaupt keine Zukunft. Er war arbeitslos, dazu ein glühender Marxist und Leninist. „Mein Vater setzte sich durch. Ich hatte damals keine Möglichkeiten“, so Peuker. 1955 zog die Familie nach Gera.

Der junge Hubert Peuker. Foto: privat

Nun malte der Zeitzeuge ein trübes aber überaus plastisches Bild von der DDR jener Tage, eines, das sich sofort einprägen wollte, von Häusern in schlechtem Zustand, fehlenden Ressourcen, Plattenbauten, von verfehlter Planwirtschaft und ihm fehlender Meinungsfreiheit.
Trotz sozialistischer Sozialisierung von der Krippe über den Kindergarten zur Schule – Peuker war kritisch, begehrte auf. Dabei ging es ab 1960 wirtschaftlich für die Familie aufwärts. Der Vater als Vermesser beim Rat der Stadt, die Mutter Postangestellte. Ein gewisser Lebensstandard war gesichert, aber: „Ich habe gespürt, dass da was nicht stimmte. Man wurde schon in der Schule politisch geprägt.“

Er war noch keine 16 Jahre alt, da stellte er fest: „Ein Unrechtssystem wie das der DDR hat keine Daseinsberechtigung und ist zum Scheitern verurteilt.“ Es war dieser Satz, der ihn in den nächsten Jahren wohl leiten sollte. Weil er sich politisch nicht einordnen, sich den Mund nicht verbieten, sich nicht bevormunden und auch nicht einschüchtern lassen wollte, war seine Schulzeit nach der 8. Klasse beendet. „Mein beruflicher Werdegang war vorgezeichnet“, erinnerte er sich und ergänzte: „Ich wollte einfach nur raus.“ Mit 15 unternahm der junge Hubert eine Reise nach Berlin an die Grenzanlage und machte Fotos. „Das war strengstens verboten.“ Was er als Tourismus getarnt hatte, waren tatsächlich Fluchtvorbereitungen.

An dieser Stelle gelang Peuker die Flucht aus der DDR. Foto: Hubert Peuker

Natürlich griff ihn die Staatssicherheit auf, ließ ihn aber wieder laufen. Von seinen eigenen Bildern begeistert, zeigte er sie einem Kellner, von dem er glaubte, er interessiere sich für die Kunst der Fotos. „Wie naiv ich war“, wundert er sich heute noch. Denn der Kellner verriet den jungen Mann. Die Stasi rückte an. Und wieder Glück gehabt.

Nun war klar: „Jetzt oder nie.“ In der Nacht vom 5. auf den 6. November 1969 exakt um 0.55 Uhr wagte er die Flucht. Den Ort hatte er auf seiner Fotoreise ausgekundschaftet. Viele dieser Fotos sind heute wichtige Zeitdokumente. Er floh vom Hinterhaus eines Wohnhauses an der Bernauer-Straße nach West-Berlin.
Später stellte sich heraus: Dort, wo er geflohen war, hatten vor ihm bereits viele Menschen ihr Leben bei eben diesem Versuch gelassen. „Da standen unzählige Kreuze und lagen Kränze am Boden“, so Peuker. Bereits bis hierher waren die Blicke der jungen Leute im Forum der Schule gebannt auf den Zeitzeugen gerichtet. Doch was nach der Pause folgen sollte, war geeignet, den Zuhörern den Atem zu verschlagen.
Peuker war nach seiner Flucht bei Verwandten untergekommen, wurde Kfz-Mechaniker. 1972 erließ die DDR eine Generalamnestie für alle bis dahin Geflüchteten. Das nutzte der nun junge erwachsene Hubert und fuhr zu seiner Familie. „Mein Vater hat das alles nicht verstanden, aber mein Bruder wollte auch raus.“ In einem abenteuerlich hergerichteten VW-Bus T2 holte er seinen Bruder nach und wollte mit einem Freund zusammen auch dessen Freundin bei der Flucht helfen. Das ging schief. Alle landeten im Gefängnis, er selber im Knast für politische Gefangene.

Seinen Namen sollte er für mehr als drei Jahre nicht mehr hören. „Nummer 1“ – sein Häftlingsname – wurde in eine kratzende alte NVA-Uniform gesteckt, beschimpft von Richtern, erniedrigt von den Bedingungen. „Das war ein einziger Schauprozess“, sagte er vom schier unendlich wirkenden Verfahren. Verhöre, Dunkelheit, Unterernährung, Praktiken, die, wie er sagte, Vergleiche mit dem NS-Regime zulassen. Enge, Gestank, Dreck, Krankheit, Entmenschlichung und Demoralisierung – Peuker überlebte. Nummer 1 hat sich nicht brechen lassen: „Ich habe mir und auch denen da immer gesagt, dass sie die wahren Verbrecher sind.“ Im Rahmen des Häftlingsfreikaufs 1979 konnte Hubert Peuker in die Bundesrepublik zurückkehren.

Auch interessant