28. Juli 2018
Menschen

Otto Görges Erfolgsrezept: Lächelnde Mitarbeiter und gutes Mett

"Unsere Unternehmer", Folge 1: 25 Jahre Görge Frischemärkte - Otto Görge und sein Talent für Menschen, Tiere und Natur

Nicht nur bei Fleisch und Gemüse kennt Otto Görge sich aus, auch beim Thema Wein ist er ein Spezialist. Foto: Ingeborg Obi-Preuß

Braunschweig. „Du brauchst eine Grundehrlichkeit“, sagt Otto Görge, „Du musst die Mitarbeiter mitnehmen, die Gewinnmaximierung darf nicht über allem stehen.“ Eine Haltung, die den Sohn einer schlesischen Flüchtlingsfamilie zu einem bedeutenden Unternehmer der Region gemacht hat: Zehn Görge Frischemärkte sind im Stadtgebiet verteilt, zwei weitere in Planung.

Für die Zukunft entwickelt die Familie um Otto Görge, Bruder Matthias („unser Herr Schäuble, der die Finanzen im Blick behält“) und den Töchtern Stephanie und Andrea neue Konzepte, um unter anderem dem Onlinehandel ein Schnippchen zu schlagen und dem wachsenden Bedürfnis nach Nachhaltigkeit entgegenzukommen.

Das Unternehmerblut hat Otto Görge vom Großvater, der als Maschinenbauer erfolgreich war, durch den Krieg aber alles verloren hatte. Der Vater war bei der Bundeswehr, auch ein Bruder hat die Beamtenlaufbahn eingeschlagen, er wurde Offizier. „Mir war früh klar, dass ich etwas anderes brauche“, blickt Görge zurück, „ich liebe die Natur, keine Waffen.“
Er ist seinen Eltern dankbar. „Vor allem dafür, dass sie ihr ganzes Geld in die Köpfe ihrer Kinder gesteckt haben“, erzählt er. „Ich hatte eine sehr couragierte Mutter, die sich um unser Allgemeinwissen gekümmert hat. „Zum Beispiel haben wir gemeinsam Goethes ’Iphigenie‘ interpretiert“, erzählt er. Es gab lange keinen Fernseher bei den Görges, abends saß die Familie gemeinsam um das Radio, dann wurde diskutiert. „Wir haben viel über den Zweiten Weltkrieg gesprochen, und ich habe schon als Kind mitbekommen: Im Krieg gibt es nur Verlierer.“
Otto Görges Liebe galt und gilt der Natur und den Tieren. Der Besuch auf einem landwirtschaftlichen Gymnasium ermöglichte ihm ein Jahrespraktikum auf einem Gut bei Flensburg. Das sollte ihn nachhaltig prägen. „Wenn du achtzig Kühe gemolken oder einen Acker gepflügt hast, dann ist das ein gutes Gefühl“, weiß er genau.
Nach dem Abitur durfte der Junge für ein Jahr in die USA. Die Eltern schenkten ihm die Überfahrt, danach war er auf sich gestellt. „Ich habe Straßen geteert, um Geld zu verdienen.“

Zurück in Deutschland jobbte Otto Görge bei der Hannover-Messe und traf dort auf einen Marktleiter aus Bremerhaven. Der Anfang seiner Supermarktkarriere. In Bremerhaven war Otto Görge schnell angekommen: Erfolgreich im Job, daneben absolvierte er ein Betriebswirtschaftsstudium, Hochzeit, ein Haus, zwei Töchter.
Er hatte ein Lebensziel: Frühzeitig aus dem Berufsleben aussteigen, um dann als Landwirt zu leben. Das braucht Geld. Dementsprechend ehrgeizig und zielstrebig ist er. Schon vor Jahren hat sich Otto Görge bei Cuxhaven eine alte Kate gekauft, mit der Zeit ausgebaut und renoviert.
„Hier experimentiere ich mit der Zucht von französischen Fleischrindern“, erzählt er von seinem „Lieblingsflecken“. Zehn bis 20 Rinder hat er dort, die Muttertiere werden ungefähr acht Jahre alt, bevor sie geschlachtet werden. Genug Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen. Otto Görge liebt diese Rinder, das ist ihm anzumerken.
„Masse vernichtet Qualität“, weiß der Hobbylandwirt und Naturliebhaber und versucht, dieses Wissen in seine Lebensmittelmärkte einzubringen.

Der Werdegang des 1945 geborenen Unternehmers geht zügig bergauf: Marktleiter in Bremerhaven, nach Studienabschluss zunächst Verkaufsleiter, dann Verkaufsdirektor bei der Coop Bremen. Die Wende kam für ihn, als die Coop national von einem anderen Konzern übernommen wurde. „Das Einsparungsprogramm beinhaltete unter anderem, gut ausgebildeten Nachwuchskräften zu kündigen. Das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.“
Da ist er gegangen. Mit einer Abfindung. 60 Märkte bundesweit wurden ihm zur Übernahme angeboten, er hat sich für Braunschweig entschieden. Drei gut laufende Coop-Märkte hat er 1993 übernommen, inklusive der Belegschaft: am Bienroder Weg, Saarplatz und in der Kastanienallee.
„Damals wurde sehr stark nach dem Preis gekauft“, sagt Görge, also braucht er zugkräftige Sonderangebote. „Aber immer nur eins pro Woche“, erklärt er die Strategie. Gutes Mett, gute Butter und WoltersBier – und das im Wechsel. „Wenn das Mett wirklich gut ist, hast du nach ein bis zwei Jahren einen Namen bei der Kundschaft.“ Frische, Qualität und „Mitarbeiter, die auch lächeln können“, sind ihm wichtig.

25 Jahre Görge Märkte wurde im Juni mit der Belegschaft im Waldhaus Ölper gefeiert: Otto Görge (rechts) mit seinen Töchtern Andrea und Stephanie, ganz links Bruder Matthias Görge. Foto: Ingeborg Obi-Preuß

Und dass sie lächeln können, war jetzt beim 25-jährigen Jubiläum im Waldhaus Ölper zu sehen. Eine schon familiäre Stimmung scheint zwischen dem Chef und „seinen Leuten“ zu herrschen. 6000 Quadratmeter Görge Märkte sollen in den nächsten vier Jahren dazukommen, einige „alte“ Läden werden übernommen, aber es wird auch neu gebaut. „Wir haben Pläne für Nachbarschaftsläden, Außer-Haus-Verkauf über WhatsApp und ganz neue Ladenkonzepte“, blickt Otto Görge in die Zukunft. Ein Beispiel für die neue Generation wird sicher das neue E-Center an der Hamburger Straße, „30 Prozent der Fläche sind für Event und Gastronomie“, schwärmt der Hausherr.

Privat liebt es Otto Görge eher einsam. Mit dem Trecker auf der Obstwiese Gras mähen und dabei überlegen, wann er was anbauen wird – das ist sein echtes Leben. Und wenn er irgendwann ganz an die nächste Generation übergibt? „Dann kommt vielleicht noch ein kleiner Weinberg dazu“, sagt er lachend.

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