Plausibilitätstiefs in der Try-Out-Zone | Neue Braunschweiger
20. Mai 2014
Kulturelles

Plausibilitätstiefs in der Try-Out-Zone

Sehr unterhaltsamer Jour Fixe im LOT-Theater.

Selina Rössler (l.) und Eileen Winkler sind in „Werbepause“ als Homeshopping-Moderatorinnen zum Niederknien. Foto: Pause

Von André Pause, 21.05.2014.

Braunschweig. Einmal im Semester präsentieren Studierende aller Fachrichtungen der HBK auf der Bühne des LOT-Theaters ihre im Rahmen der Hochschule entstandenen Arbeiten.

„Jour fixe“, zu deutsch: Regelmäßig stattfindende Treffen eines bestimmten Personenkreises, heißt die in Kooperation von HBK-Institut für Performative Künste und Bildung und dem LOT nun zum 13. Mal durchgeführte Veranstaltung.
Bei der Wahl des Ausdrucksmittels wird den Teilnehmern traditionell freie Hand gelassen. Und so steht auch im revuehaften Ergebnis der aktuellen Auflage Szenische Präsentation neben Lesung, Lesung neben Tanz und Tanz neben Installation oder Kurzfilm.

Diese recht unberechenbare Mischung mag es – abgesehen vom überaus fairen Eintrittspreis von null Euro – sein, die dem Jour Fixe konstant Auslastungszahlen jenseits der 100 Prozent beschert. Im Theater in der Kaffeetwete jedenfalls ist es wieder mal schön kuschelig.

Durch das zweistündige 14-Punkte-Programm der Nummer 13 führen Affe und Schwein, eine figürliche Weiterdenke. Waren die beiden Tierchen beim letzten Jour Fixe noch in einem der Beiträge zu sehen, haben sie sich nun zum Moderatorenduo gemausert. Die beiden überbrücken, sich kabbelnd, Rollen tauschend oder ins bistrophilosophische Gespräch über die eigene Entwicklung abgleitend, die Gaps des Abends, der unter dem Strich ein sehr erhellender und inspirierender ist.

Zwei herausragende Arbeiten nach der Pause verstärken den ohnehin guten Gesamteindruck: Danny Ueberschär und Frederik Günther geben mit „Adressat unbekannt“ eine beeindruckende Kammerspielminiatur. Am sparsam beleuchteten Tisch sich gegenübersitzend lesen sie aus Kressmann Taylors Briefroman ausgewählte Schreiben, die das nach Machtübernahme der Nationalsozialisten sukzessive Entzweien der Freunde und Geschäftspartner Max Eisenstein (San Francisco) und Martin Schulse (übergesiedelt nach München) bis zur offenen Feindschaft mit zweifacher Todesfolge dokumentieren. Dieses schwere Thema im gegebenen (lockeren) Rahmen zu zeigen, ist schon mutig genug. Die stimmige Spiel- beziehungsweise Leseleistung und das bedrückende Setting lassen sich ohne Weiteres in Richtung Abendfülle denken.

Gleiches gilt für den Beitrag von Eileen Winkler und Selina Rössler. Die beiden haben sich mit „Werbepause“ die ästhetischen Unzulänglichkeiten des TV-Homeshoppings vorgeknöpft. Als Brigitte und Susanne bringen sie uns in der „Try-Out-Zone“ im branchenüblichen Gaga-Dialog unter anderem das Sieben-Reflexzonen-Kissen, das Drei-Klingen-Messer und den Massagestuhl näher. Lippensynchron zum Originalton vom Band manövrieren sie sich quasselnderweise durch alle möglichen Plausibilitätstiefs des Schacherer-Fernsehens. Da die Damen sowohl über ausgezeichnetes Timing als auch über eine zum Schreien komische Mimik verfügen, gibt es vor dem großen, gemütlichen Picknick auf der Bühne – völlig zurecht – heftigen Applaus.

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