Plogging: Sieben räumen auf

Christina Ness hat eine Gruppe gegründet, die einmal im Monat das Quartier putzt

Seit März trifft sich im östlichen Ringgebiet eine „Plogging“-Gruppe, die während einer Abendtour Müll sammelt. Initiiert wurde sie von Christina Ness (3.v.l.). Die Ziele sind immer verschieden. Heute fahren Sonja, Verena, Eileen, Cornelia, Karsten und Jens (v.l.) nach Querum. Fotos: Birgit Wiefe

Östliches Ringgebiet/Querum. „Latte Macchiato“ steht auf dem zerknitterten Kassenzettel. Gleich daneben liegt der Coffee-to-go-Becher. „Schlimm“, sagt Christina Ness. Über achtlos weggeworfenen Müll kann sie sich aufregen. Zigarettenstummel, Taschentücher, Glasscherben oder Cola-Dosen im Gebüsch – ein No-Go. „Es ist eine Frage des Respekts“, ist die Diplom-Psychologin überzeugt.

Seit März streift sich Ness einmal im Monat Einweghandschuhe über und sammelt Unrat im östlichen Ringgebiet und darüber hinaus. Inspiriert wurde sie vom „Plogging“, also dem Müllsammeln während des Joggens. Ness nennt es lieber „Quartiersputz“. Mittlerweile hat die Psychologin über das Portal „nebenan.de“ Mitstreiter gefunden. Zum Kern gehören zum Beispiel Verena, Karsten und Jens. Andere sind neu.

Mit Fahrrad und Greifer

An diesem Mittwochabend sind Sonja, Eileen und Cornelia zum ersten Mal dabei. Treffpunkt ist die Grundschule Heinrichstraße. „Bitte Rad mitbringen“, heißt die Order. Christina Ness zählt durch. „Heute sind wir sieben, manchmal werden es aber auch bis zu zwölf.“ Sie hat die Sonnenbrille ins Haar geschoben und trägt wie die anderen „Räuberzivil“. Die Profis sind daran zu erkennen, dass sie auch gleich noch das passende Equipment dabei haben: Müllbeutel, Handschuhe, Greifer.

Cornelia ist zum ersten mal dabei.

Müllhalde Essener Straße

Das Ziel heißt heute Querum, Essener Straße. „Da sieht es echt wüst aus“, hat Verena in den vergangenen Tagen beobachtet. mit. Auf dem Weg dorthin erzählt Neuling Cornelia, warum sie mitmacht. „Wenn ich sehe, wie Leute ihren Müll einfach neben die Tonnen kippen oder falsch einwerfen, werde ich echt wütend. Die denken nur an sich.“
Ordnung schaffen – das macht Cornelia auch beruflich. Sie ist Aufräumcoach und hilft beim Auflösen von Hausständen und Unterlagen. Dass Müllsammeln doch noch einmal etwas anderes ist, erfährt sie bald nach dem Start. Bücken, unter die Sträucher kriechen – das geht ganz schön ins Kreuz und längs der Essener Straße sieht es aus, als habe der Stadtputztag nie stattgefunden. „Sisyphus“ seufzt Sonja beim Anblick der Berge, die neben den Sammelcontainern gelandet sind. Christina Ness beruhigt: „So ordentlich wie Zuhause bekommt man das nicht hin.“

 

Am Ende der Runde beladen Karsten und Jens das mitgebrachte Lastenrad. Etwa fünf Müllsäcke kommen in der Essener Straße und rund um den Westfalenplatz zusammen

Nerv der Zeit getroffen

Die Psychologin weiß auch: Jetzt im Sommer ist die Motivation noch groß, „da ist das Müllsammeln ein schöner Abendspaziergang.“ Im Herbst und Winter allerdings kann der Enthusiasmus schnell abbröckeln. Ness wünscht sich deshalb weitere Mitstreiter, „man müsste ein Netzwerk aufbauen, mit Gruppen in jedem Stadtteil oder auch Schulen motivieren mitzumachen.“ Anhand der Reaktionen spürt sie, dass „Plogging“ den Nerv der Zeit trifft.
„Natürlich gibt es Passanten, die sich über uns lustig machen“, erzählt sie. Doch es gäbe auch viele tolle Momente. Bei einem Termin im Univiertel sah ein Chinese erst fassungslos zu, dann griff Mr. Hu kurzerhand selbst zu einem Müllsack. „Darf ich mitmachen“, bot er sich strahlend an – und zauberte ein Lächeln auf Christina Ness’ Gesicht.

Die Sammel-Gruppe von Christina Ness trifft sich einmal im Monat. Infos unter post@ness-therapie.de

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