Qual eines Außenseiters | Neue Braunschweiger
22. September 2020
Kultur

Qual eines Außenseiters

„Frankenstein“-Premiere am Staatstheater – Eine Frage der Moral

Der Mob verjagt das ungeliebte Wesen. Foto: Thomas M. Jauk/StagePicture

Braunschweig. Ein neuer Adam sollte es werden, ein perfekter Mensch, der Sieg der Wissenschaft über den Tod. Und was kam dabei raus? Ein abstoßend hässliches, fehlerhaftes Wesen, das niemand liebt. „Frankenstein“, nach dem berühmten Roman von Mary Shelley aus dem Jahr 1818, hatte jetzt im Staatstheater Premiere.

Erzählt wird das grausame Außenseiterdrama mit den Mitteln des Stummfilms. Ein schwarzer Vorhang, die Untertitel in weißer Schrift, davor ein Pianospieler im Frack. Die Schauspieler mit weiß geschminkten Gesichtern und dramatisch schwarz umrandeten Augen.

Regisseur Michael Talke arbeitet geschickt mit den Stummfilmelementen und der dadurch entstehenden Kinoatmosphäre. Bühne und Kostüme überzeugen schon in der Anfangsszene, im tosenden Schneesturm versucht der verzweifelte Wissenschaftler seine missglückte Kreatur wieder einzufangen. Eine Kreatur, die aus Einsamkeit und Zurückweisung böse geworden ist.
Großartig die Szenen, in denen die Schauspieler ­– passend zu den Untertiteln ­– den Mund bewegen, alle Texte aber von nur einer Person vor der Bühne gesprochen werden. Ein Höchstmaß an Konzentration und Spielfreude ist da zu bewundern. Der Regisseur zeigt mit sieben verschiedenen Darstellern im ständigen Wechsel, dass der Geist eines Frankensteins in allen Facetten daherkommen kann.

Spannend auch, dass die Erzählebenen immer wieder gewechselt werden. Aus dem Film auf die Bühne, aus dem Stummfilm ins Sprechtheater, einmal sogar aus dem Spiel in die Diskussion: Was darf Wissenschaft? Wann und für wen gilt welche Ethik und welche Moral? Wo sind die Grenzen der Selbstoptimierung?
Die Zuschauer stehen da schon längst aufseiten des Verfolgten, des vermeintlichen Monsters. Sie verachten den grausamen Mob, der das bemitleidenswerte Geschöpf immer wieder davon jagt. „Frankenstein“ ist eine moralische Geschichte von gescheiterter Inklusion. Viel Applaus im Corona-bedingt nur dünn besetzten großen Haus.

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