Radioweihnacht in Namibia

Kolumne von Andreas Döring - Folge 3

Andreas Döring

Windhoek, Hauptstadt von Namibia. Meine Freundin und ich arbeiten vier Wochen beim deutschsprachigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Aufgabe: Sieben Stunden Radioprogramm vorproduzieren, damit Weihnachten einige Sendungen bereits vorliegen und niemand ins Funkhaus muss. Nach drei Wochen schweißtreibender Büroarbeit ist alles ist soweit fertig geschrieben, Sandra und ich wollen im Studio die Moderationstexte aufzeichnen.

Der vor Tagen gebuchte Studiotermin ist längst achselzuckend verstrichen (african time!), nun drängt die Zeit. Folgender Dialog zwischen Tontechniker und mir – über Gegensprechanlage: „Hallo George – schön, dass es doch noch geklappt hat (Achtung: Ironie!) Kannst Du mal beide Mikros auf die Kopfhörer geben?“ – „Klar“. – „George, das brummt wie Hulle. Hörst Du das?“ – „Nah.“ – „Das linke Mikro brummt doch!“ – „Mag sein.“ – „Wie: Mag sein ..? – „Yoh. Brummt.“ – „Kriegst Du das weg, George? Das Weihnachtsprogramm soll doch nicht brummen, oder?“ – „Brummt’s eben.“ – „Brummt das immer?“ – „So lang ich hier bin.“ – „Und Du hast das nie abgestellt?“ – „Nah.“

Es war unsere letzte Lektion in Sachen deutsche Gründlichkeit, westliche Arbeitsethik und Effizienz. Es gibt Landstriche auf der Welt (und das sind sehr viele) in denen das schlicht Schwachsinn ist. Viel hatten wir ja schon gelernt: dass es überhaupt nichts ausmacht, wenn die Nachrichten NICHT auf die Sekunde genau zur vollen Stunde beginnen oder das Musikarchiv weder chronologisch noch alphabetisch sortiert ist.

Nichts gegen die Kollegen beim NBC Windhoek: Wir hatten eine wundervolle Zeit mit ihnen – dienstlich und privat. Natürlich würde jeder deutsche Controller den Laden schreiend dichtmachen. Aber wir haben uns immer weiter runtergefahren, wurden immer „afrikanischer“ und haben uns irgendwann gefragt, ob wir nicht am Ende falsch liegen mit diesem scheinbar gottgegebenen deutschen Regelwerk, das nie hinterfragt wird. Kommt die Tagesschau fünf Sekunden zu spät, brüllt sich der Aufnahmeleiter in einen Herzinfarkt und drei bis vier Leute werden zum Dienstgespräch ihres Lebens geladen. Dort, beim NBC, gab es gar keinen Aufnahmeleiter, und wenn, hätte er ganz in Ruhe aufgeraucht. Bestimmt lebt er länger und zufriedener.

Wer Anregungen oder Fragen zur Kolumne hat, der Autor freut sich: „Andreas Döring“ dottoredoering@web.de

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