Raus aus dem Haus, rein ins Leben

Der Familienentlastende Dienst kümmert sich seit 20 Jahren um Behinderte und deren Familien

Das Team des Familienentlastenden Diensts (v.l.): Cornelia Kuhlmann, Larissa Rein, Christin Bosse, Anna Drong, Sabrina Morrack und Stefani Galates. Birgit Wiefel

Schrumm. Stefani Galates greift in die Saiten ihrer Gitarre. „Wollen wir anfangen?“ Die zehn Kids im Kreis nicken. Klar wollen sie. In Nullkommanichts herrscht in der Langen Straße 33 Bombenstimmung.

Galates ist Sozialarbeiterin. Jeden Dienstag leitet sie eine Musikgruppe in der Begegnungsstätte des Familienentlastenden Dienstes und sorgt dafür, dass Eltern von behinderten Kindern ein paar Stunden Luft für sich und die Geschwisterkinder bekommen. In diesem Jahr feiert der FED, wie er kurz heißt, Geburtstag: Vor 20 Jahren wurde der Dienst gegründet, seit zehn Jahren ist er Teil der Evangelischen Stiftung Neuerkerode, genauer der Neuerkeröder Wohnen und Beraten GmbH. Ein Erfolgsmodell.

„Beim Start 1998 haben wir uns um 50 Familien gekümmert, inzwischen sind es 450 Familien in Braunschweig und durch den Zusammenschluss mit Wolfsburg noch einmal 100 Familien in der VW-Stadt.“ Cornelia Kuhlmann ist Leiterin des FEDs, von Anfang an dabei, und macht anhand von Zahlen klar, wie wichtig der Dienst inzwischen geworden ist.

Kümmern – das beschreibt eigentlich viel zu wenig, was die Mitarbeiter jeden Tag leisten. Denn der FED berät und begleitet nicht nur Angehörige von behinderten Menschen. Er stellt auch Assistenten in Inklusionsklassen und bietet ein enormes Freizeitangebot für Menschen mit Handicap an. „Die Kinder und Jugendlichen kommen heraus aus dem Schutzraum ‘Zuhause’“ macht Kuhlmann klar. „Genau wie ‘normale’ Kinder können sie mit Gleichaltrigen spielen.“ Und Jugendliche, so Stefani Galates, fänden es irgendwann „total uncool“, mit Mama oder Papa ins Kino oder in die Disco zu gehen. Wichtig ist das Fingerspitzengefühl. „Die Chemie zwischen Eltern, Kindern und FED-Kraft muss stimmen“, weiß Larissa Rein, Leiterin des FED Wolfsburg. Das mache den Beruf anspruchs- und verantwortungsvoll – „man muss mit epileptischen Anfällen umgehen können oder auch mal

Windeln wechseln“ – doch mit Blick auf die Ergebnisse auch sehr erfüllend. „Wir hatten eine alleinerziehende Mutter begleitet, die an der Aufgabe, ihrem behinderten und ihren beiden nicht-behinderten Kindern gerecht zu werden, fast zerbrochen wäre. Ihr Stress und ihre Nervosität hatten sich mittlerweile auf das Kind mit Handicap übertragen, das mit starken Verhaltensauffälligkeiten reagierte“, erzählt Galates. Zusammen mit dem FED wurde entschieden: Mutter und Kind brauchten eine Auszeit voneinander.
„Durch unsere Freizeitangebote lernte die Tochter andere Kinder mit Einschränkungen kennen, genoss die

entspannte, fröhliche Atmosphäre und beruhigte sich. Die Mutter wiederum konnte sich um die Geschwister kümmern“, berichtet Kuhlmann. Heute lebt die Tochter in der Kinder- und Jugendgruppe der Evangelischen Stiftung Neuerkerode in Querum. Wenn sie sich mit der Mutter trifft, genießen die beiden die Zeit miteinander. „Wir haben einfach nur Spaß“, so die Tochter.
Für das Angebot braucht es Personal und genau daran hapert es, beklagt Kuhlmann. „Wir spüren deutlich den Fachkräftemangel.“ Außerdem sei durch die Forderung nach Inklusion der Bedarf an Mitarbeitern „wahnsinnig groß“. „Vor zehn Jahren hatten wir zwei Schulassistenten, heute sind es 35“, rechnet Kuhlmann vor.
Auch die Rechtslage sei vor 20 Jahren eine andere gewesen. „Kinder mit Behinderungen wurden mehr ‘verwahrt’. Konnten in keinen Sportverein, in keine Musikschule. Das hat sich komplett verändert. Kinder, Jugendliche und Erwachsene nehmen aktiv am gesellschaftlichen Leben teil, gehen auf Städtetouren, ins Schwimmbad, machen Musik. Das ist toll und öffnet Menschen mit und ohne Behinderung ganz neue Horizonte“, sagt Kuhlmann.

 

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