Regionale Versorgung ist kein Hirngespinst | Neue Braunschweiger
23. Januar 2018
Kultur

Regionale Versorgung ist kein Hirngespinst

NH-Landwirtschaftsserie: Lennart Hansmann setzt auf Direktvermarktung

Lennart Hansmann, Biolandwirt aus Klein Twülpstedt betreibt einen Hofladen für Bioprodukte. Unterstützung erhält er von Mitarbeiterin Karen Clerikus. Foto: Erik Beyen

Von Erik Beyen, 23.1.2018

Klein Twülpstedt. Die Landwirtschaft in Deutschland spaltet sich offensichtlich in zwei wesentliche Lager. Das eine betreibt die konventionelle Landwirtschaft. Steigendem Bedarf wird man nur mit Wachstum und Effektivität auf dem Feld und in den Ställen gerecht, so der Tenor. Kleinere Betriebe haben da kaum mehr eine Chance. Das andere Lager muss zwar auch effektiv handeln, verspricht sich aber eine größere Nachhaltigkeit in der Regionalität der Versorgung, sprich: möglichst kurze Wege vom Feld bis auf den Küchen- oder Esstisch und will zugleich die Ressource Natur schonen. Ein Zwiespalt? Nein, sagt Lennart Hansmann aus Klein Twülpstedt. Er ist Biolandwirt und betreibt einen Hofladen für Bioprodukte. Regionalisierte Versorgung sei grundsätzlich kein Hirngespinst. Trotzdem findet diese im über Jahrzehnte hinweg entwickelten und manifestierten Verhalten des modernen Verbrauchers Grenzen: Alles ist günstig und zu jeder Zeit zu bekommen.
Lange Produktwege müssen nicht sein
Es ist fast ein Paradoxum: Landwirtschaftliche Produkte reisen auf ihrem Weg zum Endverbraucher durch ganz Europa. Eigentlich müsste das den Preis antreiben. Doch der bleibt auf niedrigem Niveau. „Das geht nur über Masse“, sagt Anna Hansmann. Da könne und wolle ihr Mann gar nicht mitmachen. Und es geht anders: Das Brotgetreide von seinen Feldern landet zum Beispiel bei Bäckereien in Braunschweig und Hannover und kommt als Brot zurück in den Hofladen. Die Zuckerrüben bekommt er als Rübensirup zurück, Kartoffeln und andere Feldfrüchte vermarktet er direkt auch über seinen Hofladen. Was er nicht anbauen kann, bezieht er über einen Großlieferanten in Göttingen.
Regionalität
Die Beispiele zeigen: Hansmann fährt mehrgleisig: Direktvermarktung, sprich vom Feld auf die Ladentheke ist ein Weg. Der andere führt vom Feld über Hersteller und/oder einen Großhändler zurück auf die Ladentheke. Regional, so Hansmann, seien Braunschweig und Hannover auf jeden Fall. Doch das Konzept stößt an seine Grenzen. Will er mehr Regionalität, und damit mehr Feldfrüchte anbauen, um diese direkt zu vermarkten, braucht er auch Manpower, will heißen Arbeitskräfte. Denn Bio bedeutet in Teilen nach wie vor mehr Handarbeit auf dem Feld. Und: Der Verbraucher verlangt nach mehr. In vielen Bereichen lasse sich der Bedarf nicht durch saisonale und regionale Produkte decken.
Ein Stück Identität
Ist die regionale Versorgung also doch ein Hirngespinst? Das nicht, meint Karen Clerikus, sie arbeitet im Hofladen. In letzter Konsequenz sei sie aber unrealistisch. Bewusstsein und Wahrnehmung für regionale wie saisonale Produkte seien teilweise abhanden gekommen. Und so bleibt letztlich eine Art „Zwischenlösung“, mit der wohl alle leben können: Direktvermarktung und regionale Versorgung etwa mit Obst und Gemüse. Hansmann bietet Obst- und Gemüsekisten an, die er seinen Kunden ins Haus liefert. Alles andere ist eine Frage der Transparenz, wissen, woher ein Produkt kommt, etwa über die „von-Serie“, ein Stück Identität, denn die Serie verrät, wer das Produkt angebaut hat. Und dann ist da die Vertrauensfrage: Bio ist nicht gleich Bio. Es braucht eine Instanz, die so genau hinschaut, dass sich Landwirte wie Lennart Hansmann auf die folgende Aussage verlassen können: 100 Prozent Bio. Karen Clerikus spricht noch einen Punkt an, der nachdenklich stimmt: Wirklich regional, sagt sie, würde ’back to the roots‘ bedeuten. Hansmann und Kollegen haben noch viel Überzeugungsarbeit vor sich.

Auch interessant