Reiseführer Handy: Fluch und Segen | Neue Braunschweiger
28. Januar 2020
Menschen

Reiseführer Handy: Fluch und Segen

"In 80 Zeilen um die Welt", Vol. II, Folge 4: Kolumne von Andreas Döring

Modernes geselliges Beisammensein (Warten am Airport-Gate) Döring/oh

In Hanoi war das, mitten in der Nacht. Wir waren nach langer Fahrt am Busbahnhof ganz da hinten in den Außenbezirken in ein Taxi gestiegen, um unsere Pension zu erreichen, die um Mitternacht die Rezeption schließen würde.

Wenn so ein Fernbus an der Endstation hält, treffen soundso viele Reisende auf soundso viele Taxifahrer und das Gedrängel und Gefeilsche geht los – köstlich ohne gemeinsame Schrift und gemeinsame Sprache.
Ein etwa 20-jähriger Holländer hatte auf seiner App schon den handelsüblichen Preis für eine Fahrt in die Innenstadt ermittelt und fragte uns, ob wir uns ein Taxi teilen wollten. Klar doch, bloß weg aus dem Generve. Er nahm auf dem Beifahrersitz Platz, sagte wenig, starrte in sein Handy und blieb mit ihm so sehr verbunden, dass wir irgendwann eingreifen mussten.

Der Braunschweiger Autor, Erzähler und Journalist Dr. Andreas Döring erzählt in seinen Kolumnen von seinen Reisen rund um die Welt. Foto: oh

Jetzt war er nämlich auf Google Maps und erklärte dem Fahrer vor jeder Kreuzung, wo es lang ging. Der Fahrer, ortskundig, Anfang 60, stolz auf seinen Beruf, wurde zusehends aggressiver, besonders, wenn er links fuhr, obwohl der Holländer RRÄÄCHTS schrie, und ihm dann das Handy vor die Nase hielt, das gerade den Kurs neu berechnete. „Lass gut sein“, sagte ich ihm, „egal, wer Recht hat: Stell dir vor, du fährst in deiner Heimatstadt Taxi und dann kommt einer vom anderen Ende der Welt und erklärt dir, wo es langgeht. Nicht witzig. Mach aus, wenn du zu dem Preis, den dir deine App gezeigt hat, ankommen willst.“ Hat er verstanden, aber der Taxifahrer hat erst uns abgeliefert, obwohl das Hotel des Holländers deutlich näher an der Strecke war.

Zwei Wochen später fuhren wir in einem voll besetzten Bustaxi – 19 Fahrgäste auf 14 Sitzen – durch Kambodscha Richtung Siem Reap (na klar: Angkor Wat besuchen). Auf der Bank vor uns zwei noch nicht 20-jährige Schweizerinnen, das I-Pad vor sich. Die haben allen Ernstes knapp drei Stunden lang eine amerikanische Serie geglotzt, obwohl „draußen“ die allerschönste Landschaft mitsamt blutrotem Sonnenuntergang zu erleben war. Warum fahren die dafür so weit weg?

Andererseits: Ohne die Sprach-App im Handy hätten wir mancherorts nie einen Bus buchen oder die Unterkunft finden können. Außerdem haben selbst technikferne Jungs wie ich gern sowas Sinnfreies wie die Höhenmesser-App. Aber eben nur für die wenigen Momente analoger Sinnfreiheit.

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