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Reportage: Amsterdams coole, kleine Schwester

Spektakuläre Architektur, lässige Atmosphäre – Rotterdam ist so viel mehr als ein großer Hafen

Spektakuläre Architektur: In Rotterdam an jeder Ecke anzutreffen. Fotos: Druschke

Rotterdam. Ein Städtetrip nach Rotterdam? Eine Ankündigung, die in meinem Bekanntenkreis einhelliges Stirnrunzeln hervorruft. O. k., ich war ja auch skeptisch, als die Wahl meiner Tochter auf dieses Ziel fiel. Aber – ihr Geburtstagswochenende, ihre Entscheidung. Zum Glück! Denn wie sich herausstellt: Rotterdam ist auf jeden Fall eine Reise wert.

Wir erreichen unser Ziel bequem mit dem Zug. Der Rotterdamer Hauptbahnhof, die Centraal Station mit ihrer riesigen, futuristisch anmutenden Überdachung ist das erste Indiz dafür, dass wir an diesem Wochenende immer wieder auf die Zeugen modernster Architektur stoßen werden.
Von hier sind es nur wenige Schritte bis zur Fußgängerzone und knapp 15 Fußminuten bis zu unserem Hotel mitten im Zentrum. Wie sich in den kommenden zwei Tagen zeigt, ist die Stadterkundung per pedes für uns die perfekte Wahl. Wir lassen uns treiben, tanken Atmosphäre, pausieren nach Lust und Laune. Der Vorteil: Wir sehen viel und genießen die Abwechslung. Erst Kirche, dann Konsum – nach der Besichtigung der gotischen „Laurenskerk“, dem einzigen mittelalterlichen Überrest der Stadt, zieht es uns kurz zum Shopping in die umliegenden Geschäfte.

Als der Magen signalisiert, dass es Zeit für einen Snack wird, steuern wir die „Markthal“ an. Der 2014 eröffnete Bau in Hufeisenform ist ein Magnet im Herzen der Stadt. Außen reihen sich exklusive Apartments mit Dachterrassen aneinander, im Inneren überspannt ein farbenfrohes, gewölbtes Deckengemälde das bunte Markttreiben. Stände mit allerlei Köstlichkeiten reihen sich aneinander: Feinste Chocolatierskunst und edle Tropfen, frische Früchte, Antipasti, Käse- und Wurstspezialitäten aus aller Herren Ländern. Dazwischen wird gebrutzelt, gebacken, gekocht, frittiert und serviert.
Wir entscheiden uns für einen Snack auf die Hand, machen es uns draußen mit Blick auf den imposanten Eingang bequem und stellen überrascht fest: Mitten in Rotterdam betteln nicht nur die obligatorischen Stadttauben um ihren Anteil – hier versuchen sogar Möwen selbstbewusst und ohne Scheu ihr Glück.

Spektakuläre Architektur

Nicht weit von der Markthalle finden wir ein weiteres Beispiel dafür, dass die Architektur Rotterdams zu den kreativsten und innovativsten von ganz Holland zählt. Die berühmten Kubushäuser, die der Architekt Piet Blom in den 70er Jahren entworfen hat, sind auch heute noch ein höchst ungewöhnlicher Anblick. Er hat dafür eine Reihe von Würfeln quasi auf die Ecke gestellt. Das kann man von innen besichtigen – uns ist es auch so schon spektakulär genug.
Direkt dahinter empfängt uns der Alte Hafen mit seinem Charme: Historische Schiffe künden von rauer Seefahrt und fernen Abenteuern. Hier steht auch das „Witte Huis“ (Weiße Haus), das 1898 nicht nur das erste Hochhaus Rotterdams, sondern auch er der erste europäische „Wolkenkratzer“ war.

Am Nachmittag beschließen wir durstig vom vielen Laufen: Es wird Zeit für ein kühles Bier. Wir entern das Deck der „Vessel 11“. Das knallrote, ehemalige Feuerwehrschiff liegt mitten in der Stadt (Wijnhaven) vor Anker und dient als Restaurant und urige Musikkneipe.
Lässiges Ambiente können die hier wirklich – bestes Beispiel: die Witte de Withstraat, vermutlich Rotterdams coolste Straße. Hier finden wir die typisch holländischen roten Backsteinhäuser mit tollen Secondhandläden, Boutiquen mit Vintage-Möbeln und Kunstgalerien. Dazwischen viele gemütliche Bierkneipen und Restaurants, die ihre Tische und Stühle auf den Bürgersteig gestellt haben. Abends tobt hier das Leben, die Straße ist voll mit jungen Menschen, und wir sind froh, dass wir einen Tisch ergattern.

Unbedingt: Radfahren!

Am nächsten Tag machen wir es wie alle in dieser Stadt – wir mieten uns ein Fahrrad und radeln los. Der einzige „Anstieg“ auf der gemütlichen Strecke ist gleich zu Beginn die Auffahrt auf die Erasmusbrücke. Von den Einheimischen aufgrund ihrer weißen Farbe und der besonderen Form liebvoll „Schwan“ getauft, ist sie das bekannteste Wahrzeichen der Stadt. Von hier aus haben wir einen tollen Blick auf die moderne Skyline von Rotterdam. Wir fahren hinüber zum Kop van Zuid, einem neuen Rotterdamer Stadtteil, der seit Beginn der 90er-Jahre auf dem großen ehemaligen Hafengebiet entsteht. Hier steht das imposante Hotel New York, das einst Hauptsitz der „Holland-Amerika Lijn“ war.
In Katendrecht, der Halbinsel im Rotterdamer Bezirk Feijenoord liegt die SS Rotterdam – ehemaliges Flaggschiff der Holland-Amerika-Linie und das größte Passagierschiff, das jemals in Holland gebaut wurde. Heute kann man hier als Hotelgast übernachten, das Schiff besichtigen oder einfach nur an Deck einen Drink genießen.
Die Geschichte der Amerika-Auswanderer begegnet uns auch, als wir uns einen der ältesten Bezirke Rotterdams anschauen. Delfshaven ist hübsch und genau so typisch holländisch, wie wir es erwartet haben. Sogar die obligatorische Windmühle bekommen wir zu sehen. Leider ist die „Pelgrimsvaderskerk“ verschlossen. In dieser alten Kirche hielten die Pilgerväter ihren letzten Gottesdienst, bevor sie Holland Richtung Amerika verließen.

Am letzten Tag wollen wir dann noch sehen, wofür Rotterdam vor allem bekannt ist: einen der größten Häfen der Welt. Die „Splashtour“, bei welcher der Bus nach der Stadtrundfahrt ins Hafenbecken eintaucht und die Tour zu Wasser fort setzt, sieht zwar lustig aus – trotzdem fällt unsere Wahl auf ein Spido-Boot.
Die Rundfahrt dauert 75 Minuten und bietet einen einzigartigen Ausblick über die Schiffswerften, die Docks und das hypermoderne Umladen von Tausenden Containern. Das Ganze sehen wir bei bestem Wetter vom Sonnendeck des Schiffes. Ein spektakulärer Schlusspunkt für unser Rotterdam-Wochenende.

Mein Fazit: Die zweitgrößte Stadt der Niederlande erweist sich als Amsterdams coole „kleine“ Schwester. Weniger touristisch, nicht überlaufen und mit vielen tollen Sehenswürdigkeiten, die wir gar nicht alle entdecken konnten.
Der Aussichtsturm Euromast war aufgrund einer Veranstaltung leider geschlossen. Auch der Zutritt zu „De Kuip“ – dem Fußballstadion von Feijenoord Rotterdam, blieb uns zum Leidwesen meiner fußballverrückten Tochter verwehrt. Und weil auch der Rotterdamer Zoo „Diergaarde Blijdorp“, die diversen Museen, und der Botanische Garten (Arboretum Trompenburg) absolut sehenswert sein sollen, haben wir eben viele gute Gründe, um auf jeden Fall noch einmal wieder zu kommen. Rotterdam ist tatsächlich mehr als eine Reise wert.

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