„Schnell in der Liga akklimatisieren“ | Neue Braunschweiger
16. September 2020
Sport

„Schnell in der Liga akklimatisieren“

Daniel Meyer, Trainer von Eintracht Braunschweig, hat vor dem Beginn der Zweitliga-Saison mit der NB gesprochen

Einer muss sportlich die Richtung vorgeben. Bei den Zweitliga-Fußballern von Eintracht Braunschweig ist dies Cheftrainer Daniel Meyer. Foto: Darius Simka/regios24

Braunschweig. Daniel Meyer geht in seine erste Spielzeit als Cheftrainer von Eintracht Braunschweig. Die Neue Braunschweiger sprach mit dem 41 Jahre alten Fußball-Lehrer aus Strausberg (Brandenburg) über die neue Saison, den großen personellen Umbruch und seine Vorstellungen im Nachwuchsbereich.

Herr Meyer, was erwarten Sie von der neuen Zweitligaspielzeit?

Ich hoffe, dass wir schrittweise zur Normalität zurückkehren, was Zuschauer in den Stadien angeht, und dass uns Corona-Fälle und Spielpausen erspart bleiben. Eine halbwegs normale Saison spielen zu können, wäre mein größter Wunsch. Für uns als Aufsteiger ist es ohne Zuschauer schwer, die Aufstiegseuphorie mit ins Stadion zu nehmen. Wir hoffen, dass wir uns schnell in der Liga akklimatisieren und ein Gefühl dafür bekommen, dass wir auf dem Niveau mithalten können. Alles wird sehr eng und umkämpft zugehen. Auch könnte ich mir vorstellen, dass der Saisonverlauf einige Überraschungen mit sich bringt. Für uns gilt es, den Abstand nach unten zu wahren, um uns so zeitig wie möglich, unser großes Ziel Klassenerhalt zu sichern.

Was wird entscheidend sein, um dieses Ziel zu erreichen?

Intern haben wir uns zum Ziel gesetzt, in den ersten 13 Spielen bis Weihnachten so viele Punkte wie möglich zu holen, im neuen Verbund Erfolgserlebnisse zu sammeln und ein Gefühl dafür zu bekommen, bestehen zu können. Es muss keine Riesen-Punkteausbeute sein, allerdings hat es in den vergangenen Jahren für Aufsteiger, die den ersten Punkten lange hinterhergerannt sind, am Ende oft nicht gereicht. Deshalb gilt es für uns gerade nach so einem Pokalerfolg, sofort wieder im Alltag zu sein. Die Rückmeldung vom Freitag war definitiv, dass sich die Jungs mit allem, was sie hatten, gewehrt haben und in allen Spielphasen positiv waren. Das sollte die Basis sein, um am Anfang Punkte einzufahren und dann ein wenig gelassener zu werden.

Nach dem Aufstieg fiel der Umbruch letztlich größer als erwartet aus. War dies Ihren Eindrücken aus den ersten Wochen der Vorbereitung geschuldet oder taten sich kurzfristig Möglichkeiten auf, bestimmte Spieler zu verpflichten?

Sowohl als auch. Als Aufsteiger musst du dich um Topspieler aus der dritten Liga bemühen und versuchen, diese zu verpflichten, was uns bei Fabio Kaufmann, Yassin Ben Balla und Michael Schultz auch gelungen ist. Als Trainer hat man zudem immer Akteure im Kopf, die zur Spielidee passen und von denen man sich einen Mehrwert verspricht. Da uns der eine oder andere Spieler mit laufendem Vertrag verlassen hat, hatten wir wieder freie Plätze im Kader. Parallel dazu taten sich Möglichkeiten auf, bestimmte Ideen umzusetzen. Der Umbruch ist groß und birgt ein gewisses Risiko. Allerdings wollten wir von Anfang an nachhaltig vorgehen, um nicht im nächsten Sommer einen weiteren Umbruch einleiten zu müssen. Die Spieler sollen für eine längere Zeit zu Gesichtern des Clubs werden. Und wenn sich zu einem relativ späten Zeitpunkt die Möglichkeit ergibt, einen Spieler wie Felix Kroos zu verpflichten, dann musst du diese Möglichkeit auch ergreifen.

Wie geht man bei der Zusammenstellung einer Mannschaft vor, die als Gruppe zusammenpassen soll?

Trotz Corona gab es die Möglichkeit, sich mit den Spielern zu treffen und unter Einhaltung der Regeln einen Eindruck zu gewinnen. Was das Persönlichkeitsprofil angeht, ist auch eine Menge Bauchgefühl dabei, was mich über die Jahre hinweg selten getäuscht hat. Das hat sich im Bezug auf unsere neuen Spieler auch weitestgehend bestätigt. Auf der anderen Seite haben wir auf Spieler verzichtet, bei denen das Bauchgefühl nicht so gut war, obwohl sie sportlich Sinn gemacht hätten. Wir haben ein relativ klares Bild davon, was ein Eintracht-Spieler mitbringen soll und wie er sich auf und neben dem Platz zu verhalten hat. Akteure, die Eintracht als „letzte Ausfahrt“ sehen, wollten wir nicht nach Braunschweig holen und stattdessen Jungs verpflichten, die mit dem Verein den nächsten Schritt gehen wollen, um sich weiterzuentwickeln. Eine gewisse Gier, Demut und ein Leuchten in den Augen für die Eintracht zu spielen, war uns wichtig. Im Pokalspiel hat man bereits gesehen, dass sich die Jungs für die Sache aufreiben und es in der Gruppe total stimmt.

Welche Baustellen wollen Sie in Bezug auf die Nachwuchsförderung angehen?

Wir wollen das Optimum herausholen, allerdings haben wir mit Hannover und Wolfsburg zwei Top-Nachwuchsleitungszentren in der Region, in die eine Menge Geld hineinfließt. Wir müssen schauen, dass wir unseren eigenen Weg gehen, damit sich Leute bewusst für das NLZ von Eintracht entscheiden. Dazu gehört auch, eine gute Verbindung zum Lizenzspielerbereich herzustellen, allerdings wird es dauern, bis die Dinge greifen. Schlägt man in dieselbe Kerbe wie die oben genannten Zentren, wird man vermutlich immer zweiter Sieger sein. Deshalb lohnt es sich, eine eigene Idee zu verfolgen. Wir sollten aus uns selbst heraus in der Lage sein, gute Spieler zu entwickeln.

Wie haben Sie Ihre ersten Monate als Eintracht-Trainer erlebt, speziell vor dem Hintergrund des Umbruchs?

Ich denke grundsätzlich gerne in Strukturen, deshalb fand ich es positiv, dass mit dem Aufstieg nach zwei schwierigen Jahren gewissermaßen die „Stunde Null“ ausgerufen wurde. Ich nehme es als sehr positiv wahr, dass ich in viele Prozesse mit einbezogen werde, die Strukturen schaffen sollen, mit denen wir uns noch professioneller aufstellen können. Es ist für uns alle eine große Chance, etwas aufzubauen, das nachhaltig funktioniert. Oft kommt man in Clubs mit verfestigten Strukturen, an die man sich anpassen muss. Die Grundsituation bei der Eintracht schätze ich darum sehr, allerdings war in den vergangenen Wochen auch eine Menge Arbeit zu erledigen. Die vergangenen Wochen waren eine spannende Zeit; ich fühle mich bei der Eintracht grundsätzlich wohl und denke auch, dass sich alle mitgenommen fühlen. Nun steht der Saisonstart bevor, jetzt müssen wir liefern. Zeigen, dass das, was wir im Kopf haben, auch funktioniert, um in der Liga anzukommen.

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