Schnelltests: „Im Fußball geht das doch auch“ | Neue Braunschweiger
22. Februar 2021
Kultur

Schnelltests: „Im Fußball geht das doch auch“

Die Veranstaltungsbranche fordert von der Politik Perspektiven ein – „Viele stehen mit dem Rücken zur Wand“

Die Kulturbranche macht in einer Demo auf ihre Situation in der Corona-Krise aufmerksam. Zug von der Volkswagenhalle um die Innenstadt, an der Zeitung vorbei bis über den Bohlweg zum Schloss.

Innenstadt. Ihr Beruf ist es, andere Menschen zu unterhalten, sie staunen zu lassen, sie zum Mitsingen und Mittanzen zu bringen. Der düstere Marsch mit rollendem Sarg vorweg will dazu nicht passen, aber den Veranstaltern und Kulturschaffenden ist längst das Lachen vergangen. „Viele stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Dirk Wöhler, Gründer und Geschäftsführer von WMS-Event.

Wenn er wegen Corona schon keine Veranstaltungen organisieren kann, dann doch wenigstens Demonstrationen wie den Kulturzug am Sonntag mit an die 1500 Teilnehmern. Oberbürgermeister Ulrich Markurth ging mit, Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann nahm das Mikrofon in die Hand, um einer gebeutelten Branche Mut zu machen. Dirk Wöhler wünscht sich am Tag danach eigentlich nur eins: „Den Worten müssen Taten folgen.“

Veranstalter Dirk Wöhler (l.) hat den Kulturzug organisiert, denn: „Wir dürfen zwar keine Veranstaltungen machen, aber demonstrieren dürfen wir.“ Foto: Bernward Comes

Im vergangenen Jahr um diese Zeit war sein Kalender voll mit geplanten Veranstaltern, die dann nach und nach als Folge der Pandemie abgesagt wurden. Jetzt braucht Wöhler den Kalender gar nicht erst herauszuholen. Denn darin herrscht „gähnende Leere“. Das geht jetzt seit elf Monaten so. „Mir hat man bei Vollgas den Stecker gezogen“, sagt Wöhler. Seine Umsatzeinbußen 2020 kratzen an der 90-Prozent-Marke. Was an Corona-Soforthilfen geflossen ist, musste er als Betriebseinnahmen versteuern, außerdem den Steuerberater bezahlen. „Was ich mir in 26 Jahren aufgebaut habe, zerrinnt mir zwischen den Fingern“, sagt Wöhler. Und: „Wir sind keine Spaßbranche, wir ernähren damit unsere Familien.“ Seine Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Mit den staatlichen Zuwendungen will er keinen Gewinn machen, aber zum Leben sollten sie ausreichen. Vielen bleibt – wenn überhaupt – die Grundsicherung. Für Wöhler ist klar: „In diesem Jahr werde ich kein Geld verdienen und ob ich noch zwölf Monate durchhalte, weiß ich nicht.“

Die Veranstaltungsbranche hat keine Zeit mehr zu verlieren. An die Politik geht daher Wöhlers Aufruf, Perspektiven zu schaffen, mutig zu sein. Schnelltests sind in seinen Augen der Ausweg aus der Krise. So wie in der Bundesliga. Wer negativ getestet wird, darf hinaus aufs Spielfeld und die Coronaregeln getrost vergessen. Schnelltests machen das möglich, was gelungene Veranstaltungen ausmacht: Nähe.
Dirk Wöhler liebt seinen Beruf viel zu sehr, aufhören kann er nicht. Statt Partys und Konzerten meldet er nun Demonstrationen an: „Alarmstufe Rot“ in Berlin und Kulturzug mit Sarg in Braunschweig. Nicht alles ist schlecht in diesen Tagen: „Ich erlebe eine tolle Gemeinschaft!“ Ausdruck der Solidarität sind die Fotoplakate, die die Protestzugteilnehmer dabei hatten.

Die Idee zu der Aktion „Kulturgesichter 053“ hatte … Dirk Wöhler. Jetzt denkt er schon weiter, eine Ausstellung mit den Fotos wäre doch schön. Solidarität schweißt zusammen und Aufhören ist keine Option.

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