Schweißen 4.0: Sauber, sicher, cool | Neue Braunschweiger
15. Juli 2020
Bildung

Schweißen 4.0: Sauber, sicher, cool

Die Ausbildungswerkstatt Braunschweig startet mit „Girls go Digital“ ein neues Projekt

Die 14-jährige Cora in Aktion. Auch digitales Schweißen will gelernt sein Foto: Birgit Wiefel

Bebelhof. Es stinkt, ist heiß und nicht ungefährlich: Schweißen gilt immer noch als Männer-Handwerk. Nur zehn Prozent der jungen Frauen ergriffen einen metallverarbeitenden Beruf bei dem Schweißen mit dazu gehöre, weiß Alan Brodkorb, Geschäftsführer der gemeinnützigen Ausbildungswerkstatt Braunschweig.

Die geht deshalb neue Wege: Mit dem Projekt „Girls go Digital“ möchte sie bei Schülerinnen die Lust auf technische Berufe wecken und ihnen gleichzeitig die Furcht vor schwerem Gerät nehmen. In den Räumen der Werkstatt im Bebelhof fliegen darum nicht die Funken. Hier wird sicher, sauber und komplett digital via VR-Brille und Kontaktstift geschweißt.

Drei Schulen nehmen an dem einjährigen Projekt teil: Neben der Sally-Perel-Gesamtschule sind das die Heinrich-Büssing-Schule und das Landesbildundungszentrum für Hörgeschädigte. Die Kosten für das fast 25 000 Euro teure virtuelle Schweißgerät wurden von „Unsere Kinder in Braunschweig“ übernommen – eine Stiftung der VW Financial Services.

„Wenn ich in unseren Werkstätten vorführe, wie man schweißt, kommen die Jungs näher und die Mädchen weichen einen Schritt zurück“, berichtet Marcus Debes aus seinem Ausbildungsalltag. Qualm, Gestank, das Blitzen des Elektrodenstabs, dazu die schwere Montur mit Schutzbrille und dicken Handschuhen – das schrecke junge Frauen erst einmal ab.

Dabei ist das Interesse da. Cora ist eine von zehn Schülerinnen der Sally-Perel-Schule, die ab September einen Schnupperkursus im digitalen Schweißen machen. Wie das genau funktioniert, konnte die 14-Jährige beim Pressetermin schon einmal ausprobieren. „Echt spannend“, lautete Coras Resümee nach einer Viertelstunde unter einem schweren Helm mit jeder Menge verbauter Technik. Beim digitalen Schweißen ist alles virtuell – vom Werkstück bis zur Elektrode. Dank der VR-Brille erlebt der oder die Auszubildende aber eine reale Situation und kann anhand der Daten und Anzeigen genau nachverfolgen, was beim Arbeiten nicht so gut läuft – ob zum Beispiel die Elektrode zu dicht am Werkstück, der Winkel der Hand zu steil oder zu flach oder die Schweißnaht krumm oder gerade ist.

„Bevor es dann in den richtigen Schweißkabinen ernst wird, haben die Auszubildenden schon eine gewisse Fertigkeit entwickelt“, nennt Marcus Debes die wichtigsten Gründe für die „Trockenübungen.“ Hinzu kommt, das Material und Energie gespart und die Ressourcen geschont werden. Die Nachfrage an dem Projekt sei enorm, freut sich Melanie Schaare, Fachbereichsleiterin für Arbeit, Wirtschaft und Technik an der Sally-Perel-Schule. „Es gibt bereits eine Warteliste.“

Und Cora? Sie kann sich durchaus vorstellen, einen „Männer-Beruf“ zu ergreifen. „Mein Vater hat eine Autowerkstatt. Da kenne ich mich schon ein bisschen auf dem Gebiet aus“, berichtet sie von ihren Vorerfahrungen.
Das Projekt „Girls go Digital“ wird durch die TU Braunschweig wissenschaftlich begleitet und unterstützt von der Agentur für Arbeit.

Keine Angst vor „heißen Eisen“: Mia (links, 12) und Cora (14) von der Sally-Perel-Gesamtschule sind beim Projekt „Girls go Digital“ dabei. Foto: Birgit Wiefel

 

Ausbilder Alexander Kohlrepp von der Ausbildungswerkstatt Braunschweig zeigt Cora (14) wie das virtuellen Schweißgerät benutzt wird. Foto: Birgit Wiefel

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