18. November 2022
Buntes

Schwer bewacht zum Sehnsuchtsörtchen

In Katar und anderswo spielen menschliche Bedürfnisse manchmal nicht die Hauptrolle

Jedes Jahr im Februar lockt das Emirat Sharjah mit einer spektakulären Light Show – nicht das einzige Abenteuer, das man erleben kann. Foto: Sharjah Commerce & Tourism Development Authority

Dekadente Wolkenkratzer, (nachlassender) Ölreichtum und Überfluss prägen das Bild der sieben Vereinigten Arabischen Emirate. Wirklich bekannt sind aber nur die beiden größten und reichsten unter ihnen. Abu Dhabi und Dubai.

Im drittgrößten Emirat Sharjah ist die Dichte an Luxushotels zwar auch nicht verschwindend gering, jedoch möchte man sich hier gern ein wenig abheben vom Massentourismus der Nachbarn. Die ansässige Herrscherfamilie um Sultan bin Mohammad Al Qasimi hat stattdessen die Kulturförderung auf ihre Fahnen geschrieben.

Spektakuläre Lasershow

Eines der kulturellen Highlights ist das alljährliche Sharjah Light Festival im Februar. Hauptattraktion ist dabei eine spektakuläre Lasershow, die auf die Wand eines großen Verwaltungsgebäudes projiziert wird. Der Eintritt ist kostenlos, allerdings sind das Areal und die gegenüberliegende Zuschauertribüne abgesperrt und werden streng bewacht.
Auf dieser Tribüne saß ich nun, erwartungsvoll und bereits fast eine Stunde vor Beginn der Show. Ansonsten sei die Aussicht auf einen Sitzplatz praktisch gleich null, wurde mir gesagt. Kein Problem, die Luft war schön warm. Kaum hatte ich es mir aber auf einem Sitzkissen bequem eingerichtet, machte sich der Tee bemerkbar, der zum Abendessen in großer Menge gereicht wurde. Ich sah mich um. Gab es irgendwo das Anzeichen einer Toilette, ein kleines blaues Plastikhäuschen vielleicht, oder ein Schild? Nein. Meine Unruhe wuchs. Was machen die Frauen und Männer auf dieser Tribüne, wenn sie während der langen Wartezeit einmal einen Drang verspüren? Und all die Kinder?

Der Druck wurde schließlich so groß, dass ich aufstand und zurück zum Eingang lief – zurück zu den schwer bewaffneten, düster dreinblickenden Soldaten, die ich zuvor passiert hatte. Zwar verstand einer von ihnen meine Frage, aber nicht meine Notsituation. „Ask there!“ – mit einem beiläufigen, fast schon abfälligen Wink schickte man mich zu einem hünenhaften schwarzen Soldaten. Nachdem ich mein dringendes Anliegen vorgebracht hatte, schaute mich dieser finster an, beriet sich kurz mit seinen Vorgesetzten und nickte mir zu, ich solle ihm folgen.

Im Labyrinth

So trabten wir über den riesigen leeren Platz zwischen der mittlerweile voll besetzten Zuschauertribüne und dem Verwaltungsgebäude. Rechts und sehr dicht neben mir der riesige Soldat, das Maschinengewehr im Anschlag. Auf dem Weg fragte er mich in strengem Ton, ob ich auch ein guter Muslim wäre. Noch während ich verneinte, befielen mich Zweifel, ob das die richtige Antwort sei. Schließlich ist Sharjah das religiös konservativste aller Emirate …. Der Soldat schüttelte nur düster den Kopf. „Where do you come from? Germany?“ Er nickte wissend mit unbewegter Miene. „Ich bin Omar, ich komme aus Nigeria. Ich bin hierhergekommen, weil ich Moslem bin.“ Dabei schlug er sich mit der linken Hand auf die Brust, die rechte hielt weiterhin mühelos das schwere Gewehr.

Omar führte mich durch einige dunkle Flure. „Hier hinein“, sagte er schließlich, als wir vor einem Aufzug standen. Schweigend fuhren wir einige Stockwerke hinauf. Auf einer dürftig beleuchteten Etage stiegen wir aus. Die Betonwände waren fast blank, kein Zeichen von irgendeiner Benutzung. Nur zwei Gebäudereiniger aus Pakistan oder Indien standen im Licht einer winzigen Lampe beieinander und starrten uns an. Endlich deutete Omar wortlos auf eine unscheinbare Tür und mein Sehnsuchtsörtchen.

Als wir zurückkamen, war die Führungsriege des Emirats um Scheich Al Qasimi beim allabendlichen Gebet. Omar und ich gingen gerade über den großen leeren Platz in Richtung Tribüne, als der Scheich und seine Begleiter niederknieten, die Stirn und die Hände auf die staubige Erde legten und gen Mekka beteten. Und zufällig lag Mekka genau in der Himmelsrichtung, aus der mein Bewacher und ich gerade kamen …

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