„Setz dich hin und reflektiere dein Leben“

Erkan Altun ist ein klassisches „Gastarbeiterkind“, heute ist er promovierter Strafanwalt, als „Speaker“ zeigt er Wege zum Erfolg

Ganz streng: Erkan Altun im Gerichtssaal. Zu Beginn des Prozesses bedeckte der Angeklagte sein Gesicht, rechts daneben sitzt eine Dolmetscherin. Foto: Rainer Heusing

Innenstadt. „Das Jurastudium war eine Zufallsentscheidung“, sagt Dr. Erkan Altun, „aber sie war goldrichtig.“

In seiner Kanzlei am Kalenwall blickt der 41-Jährige auf einen bewegten Werdegang, an dessen Ende auch etwas ganz anderes hätte stehen können: ein Versicherungsfachmann oder ein Psychologe vielleicht, ein Bundeswehroffizier oder auch ein Profiboxer. Aber Erkan Altun hat sich entschieden: Er ist Fachanwalt für Strafrecht – und er hält Vorträge.

Gastarbeiterkind

Eine Karriere, die ihm nicht in die Wiege gelegt war. „Ich bin ein typisches Gastarbeiterkind“, erzählt er, „meine Eltern stammen aus der Türkei, mein Vater ist nur wenige Jahre zur Schule gegangen, meine Mutter gar nicht.“
Irgendwann waren die Eltern nach Deutschland gekommen, Geld verdienen, es sollte nur für ein paar Jahre sein, sie sind ­– wie so viele – geblieben. Heute leben sie als Rentner in Salzgitter.
„Ich bin der Älteste von fünf Geschwistern“, erzählt Erkan Altun, „die Erwartungshaltung an mich war immer hoch.“ Der Vater hat den Kindern Werte vermittelt, die für den Sohn noch heute gelten. Er hat den Jungen mit aufs Feld genommen und gesagt: „Schau, ich bin 50 Jahre alt und muss hier Rüben hacken. Mach du es besser, nutze deine Chance.“ Das Leistungsprinzip des Vaters hat der Sohn zu 100 Prozent übernommen. Grundschule, Orientierungsstufe, Realschule, Klassenbester. Die Entscheidung, das Abitur zu machen, war schnell gefällt. Und die Entscheidung Deutscher zu werden auch. Schon mit 16 hat sich Erkan Altun einbürgern lassen.

„Nach dem Abi musste ich erstmal weg“, sagt er, die patriarchisch geprägte Familienstruktur, sehr viel Nähe und Liebe, aber eben auch Enge. Erkan Altun brauchte mehr Raum für sich.
Der junge Mann ging zur Bundeswehr, die vorgeschlagene Offizierslaufbahn aber war dann doch keine Option. „Ich fiel schon auf, wenn wir zum Appell in der Reihe standen“, erinnert er sich. „Ich sehe anders aus und das weiß ich“, sagt er, „aber ich nehme das locker.“ Es gab ein anderes Problem: Er war in Westfalen stationiert ­ – und hatte Heimweh. Also wieder näher an die Familie. Studium in Hannover. Aber welche Richtung? Während seiner Bundeswehrzeit hatte Erkan Altun schon seine Liebe zur Psychologie entdeckt, aber als Studienfach war ihm das zu unsicher. Da kam Jura gerade recht. Neben der Uni ließ er sich zum Versicherungskaufmann ausbilden, mit sogenannter Kalt-Akquise finanzierte der junge Mann sein Studium. Referendariat am Oberlandesgericht in Celle, Abstecher ins Wirtschaftsministerium und in die Rechtsabteilung von VW, dann die Entscheidung: Strafverteidiger.

2005 bereits machte sich Altun mit einem Existenzgründerdarlehen selbstständig. „Ich hatte keine Angst vor den Schulden, ich war überzeugt, dass ich es schaffen würde“, weiß er noch genau, „ich bin auf Erfolg konditioniert.“ Und deshalb war die Promotion 2009 auch ein konsequenter Baustein auf seinem Weg.

Der Vater und der Sport

Der Vater und der Sport haben ihm diese Haltung beigebracht; Erkan Altun war lange aktiver Boxer. „Ein Sport, der dich zwingt, sich mit dir selbst auseinanderzusetzen.“ Immer die Chance suchen, die Möglichkeiten nutzen, Nachteile erkennen, aber dann das Beste daraus machen – was sich nach Kalendersprüchen anhört, bekommt bei Erkan Altun Ernsthaftigkeit und Tiefe.
Eine Haltung, mit der er auch seine Mandanten konfrontiert. „Nicht die Ursachen für Probleme bei anderen suchen“, rät er zum Beispiel Häftlingen in der Untersuchungshaft, „setz dich hin und reflektier mal dein Leben.“
Erkan Altun befasst sich intensiv mit der Psyche von Straftätern. „Das Potenzial steckt in jedem von uns“, ist er sicher, „du musst nur einmal eine Grenze überschreiten, dann kann die Gewalt sich weiterentwickeln, jeder Fall hat seine eigene Historie, jede kriminelle Karriere ihren Anfang.“

Eine ganz andere Seite des Anwalts ist ausgesprochen sportlich: Erkan Altun (rechts) hier beim Oberliga-Boxkampf beim BAC Wolfenbüttel. Sabine Herbig

Aus diesem psychologischen Zugang hat Erkan Altun einen „Zweitberuf“ gemacht. Er ist „Speaker.“ Man kann ihn buchen. In diesem Jahr beispielsweise war er unter anderem im BZV Medienhaus zu Gast. Unterhaltsame und kurzweilige Geschichten erzählt er, sogar lustige Anekdoten sind dabei, wenn er seine Zuhörer auf die Reise zu den eher dunklen Seiten der Menschen führt.

Erkan Altun ist durch und durch in Deutschland, oder genauer in Braunschweig, angekommen. „Ich sehe aus wie ein Türsteher“, macht er sich lustig über das Klischee, das er selber von sich zeichnet. Er ist groß, durchtrainiert, gut aussehend – und er ist Moslem. „Ich erlebe Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht“, sagt er. „Aber andere erleben das“, weiß er, „darum muss das Thema auch in der Mitte der Gesellschaft diskutiert werden.“
Angekommen heißt für ihn aber nicht, seine türkischen Wurzeln zu verleugnen. Er liebt eine Heimat, ist eng mit seiner Familie. „Angekommen“ heißt für Erkan Altun, das Beste aus zwei Welten wählen zu können. „Was für ein Reichtum“, sagt er lachend zum Abschied.

^