16. Juni 2021
Menschen

Sport als Anker in unruhiger Zeit

Ein ganz normaler junger Mann: Paul Richwien erzählt, was ihm Kraft und Zuversicht gibt

Paul Richwien ist froh, dass er in seinem Sportverein, seiner Familie und seiner Stadt Heimat findet. Foto: Ingeborg Obi-Preuß

Braunschweig. Zuversichtlich bleiben. Den jungen Menschen bleibt nicht viel anderes übrig. Gerade ihnen ist die Coronakrise ordentlich ins Leben gerauscht.

Die Pandemie hat die Unsicherheit in der Lebensphase zwischen Schule, Ausbildung, Praktika oder Studium noch verstärkt. Ein Beispiel, wie Sport einem jungen Leben Halt und Zuversicht gibt, erzählt Paul Richwien.

Gefunden auf Linkedin

„Gefunden“ habe ich den 26-Jährigen auf Linkedin. In dunklem Anzug und weißem Hemd lächelt er stolz von seinem Profilbild. „International Sponsoring & UEFA at Volkswagen Football Center“ steht unter dem imposanten Foto. „Donnerwetter“ denke ich, was für eine Karriere. Ich kenne Paul schon lange, noch in „kurzen Hosen und mit Holzgewehr“ sozusagen, aus der Entfernung, sein Vater Jens Richwien und ich sind Kollegen. Also nehme ich Kontakt auf. Gratuliere zum Traumjob.

„Naja“, wiegelt Paul ein wenig den glamourösen Online-Auftritt ab, „ich mache da ein Praktikum.“ Auch ein Erfolg. Erst recht in diesen Zeiten. Und es passt genau zu den Träumen des jungen Mannes, der immerhin schon mit acht Jahren seinen verdutzen Eltern sagte: „Ich will Sportmanagement studieren.“

Paul erzählt das mit lautem Lachen. „Damals war ich tief versunken in ein FIFA-Computerspiel, das hatte einen sogenannten Manager-Modus, das fand ich cool.“ Immerhin führt der Plan schon früh zur Eintracht als Spieltags-Assistent. „Das trainiert“, lacht Paul, „wenn du 20 sechsjährige Fahnenkinder betreuen darfst, da lernst du etwas fürs Leben.“ Auch seinen Jugendtrainerschein macht Paul früh. Der BTHC ist sein zweites Zuhause.

Der Zukunftsplan versandet zunächst wieder, die Kinder- und Jugendtage bestehen vor allem aus einem glücklichen Familienleben, dem Schulbesuch und dem bis heute geliebten Hockeyspiel. Ende der Schulzeit hat Paul dann auch nicht wirklich einen Plan. „Irgendwie in die Sportrichtung“ wabert es ungenau durch seinen Kopf.

Auslands-Angebot

„Kollege Zufall“ hilft. Zum Anfang der Ferien in der 11. Klasse hat die Lehrerin an der IGS Franzsches Feld Zettel verteilt. „Ein Angebot der Regierung für junge Menschen“, hat sie mitgegeben. „Den Zettel habe ich ungelesen zerknüllt und in meinen Kasten geschmissen“, erzählt Paul. Schließlich sind Ferien. Doch zum Schulbeginn muss er seinen Kasten mal aufräumen. Und siehe da, der Zettel ist interessant: Die Möglichkeit für ein Auslandsjahr. Und da Paul eh nicht weiß, was tun, kommt das Angebot gerade recht. „30 Seiten habe ich ausgefüllt“, weiß er noch genau. Es hat funktioniert.

Heimweh inklusive

Ein knappes Jahr später fliegt Paul Richwien nach Ohio. „Ich kann das nur jedem jungen Menschen empfehlen“, sagt er im Rückblick, „auch ohne Lust, einfach machen“. Einsamkeit, Heimweh und Unsicherheiten inklusive. „An meinem 18. Geburtstag war ich allein in Amerika, ohne Familie, ohne Freunde“, weiß er noch genau.
Aber dennoch war das eine Zeit, die ihn entscheidend geprägt und geformt hat. Mit seiner Gastfamilie ist er heute noch befreundet. Seine Liebe zum Sport ist in Amerika wichtiges Pfund. „Die Schulteams, die Verbundenheit, der Schulstolz“, das hat mich schon sehr beeindruckt“, erinnert Paul. Ich gehörte sofort dazu. „I’m proud of my country“ – auch so ein Satz, der für Paul zunächst fremd war.

Zurück in Braunschweig macht er sein Abi, hat für die Zukunft aber noch immer Fragezeichen im Kopf. Erstmal ein Freiwilliges Soziales Jahr. Natürlich im Sport. Bei seinem „BTHC“. Hier spricht er viel mit seinem Trainer, der Sportmanagement studiert an der Ostfalia. Unterhaltungen, die Paul dazu bewegen, sich ebenfalls an der Ostfalia für diesen Studiengang einzuschreiben.

Vorher geht es noch mal weg, diesmal Australien, Work & Travel. „Aber das war nicht wirklich mein Land“, erzählt er, „zu heiß, da war ich mit meiner hellen Haut einfach falsch.“ Nach vier Monaten hat er genug und steht unangemeldet zu Hause auf der Matte. Es zieht ihn sofort auf den Sportplatz, zu den alten Freunden, gemeinsam ein Hockeyspiel schauen. Die Zuschauer kennen ihn, begrüßen ihren Sportkameraden, erzählen viel. „Ich habe gehört, du suchst einen Job?“, fragt plötzlich eine Stimme. Ein Mitarbeiter von Financial Services erzählt Paul von seiner Arbeit. Und nimmt ihn sozusagen vom Platz weg mit. Jedenfalls bekommt er für zwei Jahre einen Vertrag als Werkstudent. „Ein Bombenjob“ sagt Paul und grinst. Und so tragen ihn die Kontakte weiter: Studentische Mitarbeit bei 4ACES in Wolfsburg, Praktikum beim VfL – und jetzt der Job im Volkswagen Fußballcenter.

Noch bis September kann er hier arbeiten, sich mit anderen rund um das Thema UEFA kümmern: Interne Gewinnspiele und Ticketverlosungen organisieren, große und kleine Vereine betreuen, und vieles mehr. Paul ist mehr als froh über diesen Vertrag. Denn seine letzten Studentenjobs brechen durch Corona weg. Die Bachelorarbeit hat Paul Ende vergangenen Jahres fertiggeschrieben. Aber sie bleibt gefühlt ewig liegen. Aus ihm unbekannten Gründen kommt seine Professorin mit dem Lesen nicht voran. Der Job im Fitnesscenter ist mit dem Lockdown weg und privat fehlen dem jungen Mann der Sport, die Freunde, die Mannschaft.

„Zwischendurch war ich fast ein bisschen verzweifelt“, erinnert sich Paul genau an ungute Gefühle, „zwei Monate musste ich auf meine Bachelorarbeit warten, ich dachte die ganze Zeit: Was, wenn du jetzt immatrikuliert wirst? Ich habe komplett in der Luft gehangen.“

Irgendwas geht immer

Er nimmt Jobs an in der Nachbarschaft, hilft beim Rasenmähen oder Hecke schneiden, irgendwas geht immer. Und auch die Hilfen vom Bund für Studierende erreichen ihn irgendwann. „Meine Eltern, meine Freude, viele Bekannte – ich habe ein gutes Netzwerk, das mich trägt“, sagt Paul dankbar. „Es gibt mir Halt. Und mein Sport. Und meine Stadt.“
„Denn ein Vorteil hat Corona, ich kenne Braunschweig inzwischen noch besser. Nicht jeden Straßennamen wie mein Opa, aber fast“, erzählt der junge Mann lachend.

Heimat gibt Zuversicht

Für seine Zukunft wünscht Paul sich einen Job im Sportbereich, in dem er strategisch denken, planen und organisieren kann. Auf all seinen Stationen hat er gelernt, was ihm liegt, was er gut kann. „Und gern möchte ich beruflich in der ganzen Welt unterwegs sein“, träumt er, „aber immer wieder nach Hause kommen. Braunschweig ist meine Stadt. Heimat gibt mir Zuversicht.“

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