Stille vor dem Schluss | Neue Braunschweiger
25. Januar 2014
Kulturelles

Stille vor dem Schluss

Anna Bergmann inszeniert schrillen „Homo Faber“ im Kleinen Haus.

Homo Faber (Hans-Werner Leupelt) und Jugendliebe Hanna Piper (Sandra Fehmer) bewältigen die Vergangenheit. Foto: Beinhorn

Von André Pause, 26.01.2014.

Braunschweig. Dem Ingenieur ist nichts zu schwör, heißt es. Zumindest solange die Dinge schön berechenbar bleiben. Falls nicht, gerät schon mal was aus den Fugen. Beispiel gefällig? Dann beachte die Bühne des Kleinen Hauses, Digger. Da macht Anna Bergmann mit Max Frischs „Homo Faber“ Effekte-Feuerwerk.

Popkultur – warum auch nicht. Der Roman ist Schulstoff, die Ränge voller Pennäler. Frischs Prosa, die personifiziert die Gegensätze pragmatisch-technischer Weltsicht auf der einen und das Setzen auf Natur, Spirit oder kulturelles Schaffen auf der anderen Seite in den Mittelpunkt rückt, kann in Zeiten, in denen längst nicht mehr klar ist, ob der Mensch die Technik beherrscht oder umgekehrt, in Sachen Regieeinfall ruhig mal etwas schrill und ausufernd daherkommen.

In der Vorlage der Tragödie begegnet der Schweizer Ingenieur Walter Faber nach der Trennung von seiner New Yorker Freundin Ivy durch die Verkettung unglaublicher Zufälle auf Flug-, Auto- und Schiffsreisen zunächst dem erhängten Jugendfreund Joachim Henke und später seiner Tochter Elisabeth. Dass die sehr viel jüngere Frau seine Tochter ist, erfährt er erst später. Unterwegs auf gemeinsamer Italien-Tour gehen beide eine inzestuöse Beziehung ein. Nachdem „Sabeth“ an den Folgen eines Sturzes stirbt, trifft Faber in Athen seine Jugendliebe Hanna, die Mutter des Kindes. Er möchte richten, was zu richten ist, fasst auch den Entschluss, anders zu leben, ist da aber – Magenkrebs – selbst schon dem Tode geweiht.

Regisseurin Anna Bergmann gelingt es in ihrer Inszenierung, aus dieser eher sachlichen Partitur eine knapp 180-minütige Melange aus Spiel, Revue und üppig bebilderter Freakshow auf die Bühne zu zaubern. Dabei ist Homo Faber zu sechst, purpurner Schopf, weißer Anzug. Synchron wird Zigarette geraucht, Kofferschreibmaschine geschwungen und erzählt.

Auch die symmetrisch gestaltete, sich nach hinten wie ein Schiffsbug verengende Kulisse, bei der gedimmt beschienene Vorhänge zunächst die Vergangenheit verbergen, ist ein bisschen so wie Walter Faber selbst: exakt geordnet und berechne(nd)t. Nach und nach tun sich jedoch Abgründe auf.
Die Fabers hinterfragen und diskutieren die Handlungsweisen ihres Ichs, lassen den Charakter Walter Faber zunehmend brüchiger und zerrissener erscheinen. Wie Schuppen von den Augen fallen die Vorhänge, machen den Blick frei für den Clash der zeitlichen Ebenen und das unentrinnbare Schicksal dahinter. Das Ensemble um das gescheiterte Paar – welches Sandra Fehmer und Hans-Werner Leupelt in ihrer ganzen Verlorenheit sehr eindringlich spielen – gehen die Verrücktheiten der Inszenierung geschlossen und gut mit.

Des Guten zu viel sind die musikalischen Ausflüge nach Italien („Felicitas“) und Kuba. Vor allem Walter Fabers Besinnungstrip nach Havanna, optisch unterfüttert durch ein dramatisierendes Rückblende-Video, längt das Stück. Erschwerend kommt hinzu, dass der Gesang nicht unbedingt zu Leupelts Stärken gehört. Umso eindrucksvoller ist die Stille vor dem Schluss: Das Paar sitzt matt und zusammengekauert vor dem geschlossenen Vorhang und dekliniert, der gemeinsame Nenner ist unerreichbar, das Scheitern ihrer Liebe, ihres Lebens durch. Das ist erschütternd, wahr und allgegenwärtig.

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