Stolz auf die eigenen Wurzeln sein

Mit Fleiß und Hartnäckigkeit biss sich die Russlanddeutsche Natalie Schreiner hier durch, doch sie weiß: Das Ankommen braucht Zeit.

Natalie Schreiner fühlt sich als „Verbindungsstück“ zwischen Deutschland und Russland. Fotos: Anne-Kathrin Wittwer

Von Birgit Leute, 27.04.2014.

Braunschweig. Wenn Natalie Schreiner eins nicht liegt, dann ist es warten. Kein Wunder, dass die junge Russlanddeutsche so schnell wie möglich die „leere“ Zeit zwischen Einwanderung einerseits und Durchstarten andererseits hinter sich lassen wollte.

Natalie Schreiner – Rechtsanwältin, jung, hübsch und gut situiert – ist ein Vorzeigebeispiel par
excellence für eine erfolgreiche Migrantenkarriere. Trotzdem winkt sie bescheiden ab. „Ich will gar kein Maßstab sein“, sagt sie. In der Schule immer ganz vorn und auch als Studentin fleißig und ehrgeizig, weiß sie, dass ihr schnell der Ruf des Besserwissers angehängt werden könnte. „Nicht jeder will die große Karriere anstreben“, zeigt sie Verständnis für Spätaussiedler, die eher bescheiden und unauffällig leben, vielleicht Probleme mit der Sprache haben oder ihre Zeit brauchen, um zu wissen, was sie eigentlich wollen, wohin sie gehören.
„Auch ich hatte am Anfang mit dem fremden Land zu kämpfen“, blickt Natalie Schreiner zurück. Mit 17 Jahren kam die Deutschrussin aus Kaliningrad in die Heimat ihrer Vorfahren – und landete erst einmal in den Aufnahmelagern Bramsche und Neumünster. „Wir saßen zu fünft auf einem Zimmer“, erinnert sie sich.
Schlimmer noch als die Enge war allerdings das Warten. Auf die Anerkennung als Spätaussiedler. Auf die obligatorischen Deutschkurse. Auf den beruflichen Anfang. „Meine Eltern erhielten praktisch automatisch Kurse über das Arbeitsamt, meine Geschwister regelten die Anerkennung in ihrer Ausbildung. Nur ich, die die Schule in Russland gerade beendet hatte, wusste jetzt in Deutschland nicht wohin.“
Dieses nagende „Was wird aus mir?“ ließ Natalie Schreiner aber nicht einknicken. Ganz im Gegenteil. Sie überwand ihre Scheu im Umgang mit den Behörden und „nervte“ die zuständigen Stellen so lange, bis sie endlich ihren Sprachkursus bekam. Eine wichtige Etappe, die ihr die Türen für die spätere Karriere öffnete: Natalie machte das deutsche Abitur nach und begann ein Jura-Studium, das sie mit Bravour abschloss. Seither versteht sie sich als „Verbindungsstück“ zwischen Spätaussiedlern und deutschem Recht. „Für mich kam eigentlich nur Jura infrage. Schon als Jugendliche diskutierte ich mit meinem Vater über Recht und Gesetz. Später „kniete“ ich mich in das Ausfüllen der Anträge für die Familie, und heute gebe ich als Rechtsanwältin anderen Migranten eine Stimme“, sagt sie. Seit März berät sie in der Stadtteilentwicklung Weststadt auch in sozialen Fragen. Wie lautet ihr Rezept für eine erfolgreiche Karriere als Migrant? „Man muss sich ein Ziel setzen, es verfolgen und auch Etappensiege feiern“, sagt Natalie Schreiner. Und den Eltern rät sie: „Erzählt euren Kindern eure Vergangenheit, woher ihr kommt – und dass sie stolz auf ihre Wurzeln sein können.“

^