10. April 2018
Kultur

Tatort-Kommissar liest aus der Apokalypse

Wolfram Koch begeisterte das Wolfsburger Publikum mit einer lebhaften Lesung

Von Lotta von Rutenberg, 10.04.2018

Wolfsburg. Sie versetzten vor allem die Christen im Mittelalter in Angst und Schrecken: Die Apokalyptischen Reiter. Denn sie würden gemäß der Offenbarung des Johannes aus dem neuen Testament die Welt mit Krankheit, Tod und Verwüstung überziehen. Die dem „Buch mit sieben Siegeln“ entstiegenen Gestalten sind, der Vorstellung des Autors nach, der personifizierte Zorn Gottes.
Der surreale biblische Text, entstanden im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt, entfaltet auch heute noch seine Dramatik. Dann jedenfalls, wenn er so spannend und stimmlich differenziert dargeboten wird wie in der Bernward-Kirche beim Autostadt-Festival Movimentos. Schauspieler Wolfram Koch, einem breiten Fernsehpublikum bekannt als Tatort-Kommissar, schlüpfte in die Rolle des frühchristlichen Visionärs Johannes. Mit seiner ausdrucksstarken Stimme zog er sofort die volle Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich. Dank der sehr guten Akustik in der Kirche wurden die exzellente Artikulation des Künstlers sowie seine klare Intonation zum Ohrenschmaus für die Zuhörer.
Koch spielte mit seiner Stimme und hielt so die Spannung aufrecht: Mal zürnte und ätzte er, mal schmeichelte er; dann wieder flüsterte er eindringlich und gab so dem Text eine lebendige, beinahe moderne Note. Die sich teils gebetsmühlenartig wiederholenden Sätze – beispielsweise: „Wer Ohren hat, der höre, was der Engel den Gemeinden sagt“ – wurden durch die Wandlungsfähigkeit des Schauspielers alles andere als eintönig empfunden. 

Zur Auflockerung des recht komplexen Textinhalts trug die Bewegungsfreude des Schauspielers während der Lesung bei: Koch blieb nicht lange an einer Stelle stehen in seinem Vortrag, sondern „bespielte“ den Kirchenraum, anstatt nur am Tisch zu sitzen. Mit losen Blättern in der Hand statt eines Buchs bekam sein Auftritt den Charakter eines Theaterstücks. Der Monolog wandelte sich dadurch in einen Dialog, nämlich zu einem mit dem Publikum, das, obwohl es stumm blieb, durch Wolfram Kochs leidenschaftliche Spielart geradezu miteinbezogen wurde. Ein großartiger Auftritt, der durch die mitreißende Darbietung Kochs dem biblischen Thema Aktualität verlieh, den 2000 Jahre alten Text damit in die Moderne holte.

Auch interessant