„Tests sind Kür, Pflicht ist AHA“ | Neue Braunschweiger
14. November 2020
Gesundheit

„Tests sind Kür, Pflicht ist AHA“

Für Stadt, Gesundheitsamt und Klinikum sind Corona-Schnelltests kein Allheilmittel

Erklärten die Vor- und Nachteile der Corona-Schnelltests (v. l.): Dr. Gerhard Wermes (Leiter des Gesundheitsamtes), Dr. Christine Arbogast (Sozialdezernentin) und Prof. Dr. Dr. Wilfried Bautsch (Chefarzt Mikrobiologie, Immunologie und Krankenhaushygiene am Klinikum).   Foto: Birgit Wiefel

Innenstadt. Mund auf, Abstrich, Ergebnis – so einfach ist es dann doch nicht. „Corona-Schnelltests sind nicht für den Hausgebrauch gedacht“, warnt Dr. Christine Arbogast.

Warum der Test nichts für die Familienapotheke und kein Allheilmittel ist, erklärte die Braunschweiger Sozialdezernentin und Leiterin der Gefahrenabwehrstelle in einem Pressegespräch mit Dr. Gerhard Wermes, Leiter des Gesundheitsamtes, und Professor Wilfried Bautsch, Chefimmunologe am Klinikum.

Problem: Ungenauigkeit

Schnelltests sind bei weitem nicht so genau wie PCR-Tests“, erklärte Bautsch das grundsätzliche Problem. Ganz entscheidend sei bei ihnen der Zeitpunkt, wann der Abstrich erfolgt. „Ein Schnelltest schlägt mit hoher Wahrscheinlichkeit Alarm, wenn jemand eine große Viruslast im Rachenraum hat, also in der Hochphase der Infektion und ein bis zwei Tage davor.“ Ist das Virus allerdings bereits in die Lunge abgestiegen, sei ein Schnelltest nicht mehr sicher. „Außerdem müssen Abstrich und Auswertung von geschultem Fachpersonal ausgeführt werden“, betont Bautsch.

Handschuhe, Pipette und vor allem – eine sterile Umgebung. Corona-Schnelltests lassen sich nicht mal eben im Badezimmer machen, wie Dr. Gerhard Wermes, Leiter des Gesundheitsamtes, erläutert. Foto: Birgit Wiefel

Wie kompliziert das Verfahren trotz der Zeitersparnis ist, demonstriert Dr. Gerhard Wermes gleich vor Ort: Handschuhe, Stäbchen, Pipette, Abstrichlösung, Trägermedium. Damit umzugehen, verlangt Fingerspitzengefühl, Fachwissen und vor allem sterile Bedingungen. „Es ist zum Beispiel wichtig, die richtige Stelle im Rachen für den Abstrich zu treffen“, gibt Bautsch zu bedenken. Das Prozedere sei schon von sich aus nicht angenehm, „wird aber der falsche Punkt im Rachen berührt, kann es zu heftigem Nasenbluten kommen.“

Ergebnis nach 15 Minuten

Im Gegensatz zum PCR-Test, bei dem im Labor Teile des Erbguts des Virus nachgewiesen werden, zeigt der Schnelltest nach zirka 15 bis 30 Minuten spezielle Protein-Bausteine an. Kosten pro Testkits: 7 bis 13 Euro – Tendenz steigend. „Die Nachfrage ist riesig, der Markt enorm unter Druck“, ordnet Dr. Gerhard Wermes ein. Bis zu 1,5 Millionen Kits würden laut Bundesgesundheitsministerium derzeit pro Woche hergestellt. „Die Schnelltests sind deshalb erst einmal für das Personal von Pflegeheimen, Arztpraxen und Krankenhäusern vorgesehen“, so Wermes. Denkbar sei auch, die Besucher von Altenheimen zu testen, die keine Krankheitssymptome haben. „Fällt der Test trotzdem positiv aus, kann man den Zutritt verweigern und zur Abklärung einen PCR-Test im Labor durchführen.“

Flächendeckend testen?

Noch mehr testen, möglichst flächendeckend – für Professor Wilfried Bautsch ist solch eine Forderung illusorisch. „Die Labore sind am Limit, in den Krankenhäusern herrscht Fachkräftenotstand. Wir können im Klinikum nicht die rund tausend Besucher pro Tag durchtesten“, wehrt er ab.
Sein Rat lautet deshalb: „Die Regeln einhalten. Tests sind Kür, Pflicht ist AHA – Abstand wahren, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen. Überall dort, wo wir Probleme hatten, ist genau dagegen verstoßen worden.“

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