Überleben unter Underdogs

Carmen auf dem Burgplatz: Harter Kampf um Macht unter harten Bedingungen

Kurze Momente des Glücks: Carmen (Jelena Kordić) und ihr Don José (Kwonsoo Jeon). Foto: Bettina Stoess/Staatstheater

Innenstadt. Musikalisch ist die Burgplatz-Carmen eine glatte Eins. Kraftvolle schöne Stimmen, schauspielerisch überzeugende Charaktere, großartig die Chöre ­ und dazu die einzigartige Musik. Bühne und Kostüm allerdings muss man erstmal auf sich wirken lassen: Sperrmüll und merkwürdige Klamotten.

„Was soll man sonst mit Carmen machen?“ ­– diese Bemerkung eines Premierengastes trifft es wohl: Carmen ist schwierig. Das gerüschte Flamencokleid von anno dazumal geht gar nicht, das oft bemühte Klischee der heißblütigen Klischeezigeunerin möchte auch keiner mehr sehen.

Also modern. Der Zugriff von Regisseur Philipp M. Krenn ist konsequent desillusionierend. Eher schäbig als schick. Die (Premieren-) Carmen blond mit Pferdeschwanz, cool, rotzig, offensichtlich die Stärkste ihrer Gang, „eine Bitch“. Jelena Kordic gibt dieser Carmen Kraft und lässt dabei Verletzlichkeit durchblitzen. Ihr Mezzosopran ist warm und berührend. Schnell ist klar, diese Carmen hat sich ihren schnodderigen Schutzpanzer zugelegt, um in einer rauen Welt zu überleben. Es geht um Macht und Stärke, um Sex, eine Szene, die alles sagt: Typen in Soldatenklamotten begaffen ein Mädchen beim Tabledance für Underdogs. Hartes Klima für alle.

Escamillo (Eugene Villanueva) wird von seinen Fans begeistert gefeiert. Foto: Bettina Stoess/Staatstheater

 

Stühle und Tische werden gerückt, Menschen ohne feste Bleibe. Es entstehen Brücken und Nischen, Höhen, Wege, Fallen. Dazwischen wandelt eine chimärenhafte Pastia-Gestalt (großartig Mattias Schamberger, der mit ausdrucksstarker Mimik Bände spricht, ohne ein Wort zu sagen). Meist schleicht er wie ein Todesengel um José. Reicht ihm zwischendurch die Pistole oder nimmt sie ihm auch weg. Führt sozusagen Regie in der fatalen Beziehung zwischen zwei Menschen mit komplett unterschiedlichen Wertvorstellungen ­ – der freiheitsliebenden Carmen und dem treuen Soldaten. Wie in einem Flashback durchlebt der verzweifelte José immer wieder dramatische Situationen, in denen er die für ihn schwierige Geliebte erschießt. Bis sie am Ende wirklich sterben. Kwonsoo Jeon spielt diesen hoffnungslos Liebenden großartig, mit starkem gefühlvollen Tenor.

Großartige Chorszenen bringen Spannung in die Inszenierung. Foto: Bettina Stoess/Staatstheater

 

Publikumsliebling ist offensichtlich Ekaterina Kudryavtseva, die in dieser Rolle der Micaela zauberhaft und zerbrechlich wirkt, dabei glockenklar und berührend singt. Ebenso ein Highlight das Duett von Jelena Bankovic und Milda Tubelyté, die als Carmens Freundinnen die Karten legen. Auch Torero Escamillo (Eugene Villanueva) und die Schmuggler- und Soldatenfreunde Matthias Stier, Maximilian Krummen, Dominic Barberi und David Ostrek überzeugen mit starken Stimmen und starkem Spiel.

Großartig die Chöre. Staatstheaterchor, Extrachor- und Kinderchor, plus Statisterie sorgen für ausdrucksstarke Bilder, verkörpern beispielsweise eine Menschenmasse außer Rand und Band beim Stierkampf. Cool gemacht.
Ebenso modern wie der Zugriff des Regisseurs auf die Oper, ist auch die Musik unter der Leitung von Srba Dinic. Das Staatsorchester spielt klar und temperamentvoll, ohne klischeehafte Übertreibungen.

Ein Tipp: Bei dieser Carmen ist das Programmheft unbedingt zu empfehlen. Das abgedruckte Gespräch zwischen Regisseur Philipp M. Krenn, Bühnenbildnerin Heike Vollmer und Kostümbildnerin Regine Standfuss gibt einen hilfreichen Einblick in die Ideenwelt der Inszenierung.

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