„Uneinigkeit ist schädlich für die dritte Liga“ | Neue Braunschweiger
22. Mai 2020
Sport

„Uneinigkeit ist schädlich für die dritte Liga“

Marc Arnold spricht im NB-Interview über den Bundesliga-Restart, die Situation bei seinem ehemaligen Arbeitgeber und die dritte Liga

Marc Arnold. Foto: Sielski/imago images

Braunschweig. Über zehn Jahre war Marc Arnold für die Löwen als sportlicher Leiter tätig und hatte maßgeblichen Anteil am Weg von der dritten in die erste Liga. Allerdings musste er 2018 auch den bitteren Abstieg aus der zweiten Liga miterleben und wurde nur wenige Monate nach dem Abschied von Trainer Torsten Lieberknecht im August 2018 von seinen Aufgaben entbunden. Aktuell ist der 49-Jährige auf der Suche nach einer neuen Herausforderung.

Herr Arnold, wie haben Sie den Bundesliga-Restart erlebt?

Durchaus zwiegespalten. Auf der einen Seite ist es schön, dass der Fußball wieder startet, andererseits muss man sich an die ganz andere Atmosphäre bei den Geisterspielen erst gewöhnen. Für mich selbst habe ich gemerkt, dass einen das Ganze nicht so sehr fesselt wie ein Spiel mit Zuschauern und man leichter mal abgelenkt ist. Ich glaube aber schon dass man sich daran gewöhnen kann, es bleibt einem ja auch nichts anderes übrig.

Sehen Sie das Ganze als einen Schritt in Richtung Normalität?

Ich finde die Umsetzung des Konzepts von DFL und Politik ist angesichts der durch Corona insgesamt vorherrschenden Großwetterlage aufgegangen. Natürlich wurde das Ganze mit erheblichem finanziellen Aufwand betrieben, doch für viele ist Fußball positiv behaftetes Thema. Zwar können die Fans aktuell noch nicht im Stadion dabei sein, insgesamt geht das Ganze aber die richtige Richtung.

Wie schätzen Sie den Schaden ein, der der Fußballwelt durch Corona entstanden ist, beziehungsweise noch entstehen wird?

Das ist schwer abzuschätzen, in Sachen Transfers und Gehältern wird es demnächst aber sicher Veränderungen geben. Insbesondere die Spieler mit demnächst auslaufenden Verträgen werden im Sommer von Gehaltseinbußen betroffen sein, weil auch die Vereine noch nicht wissen, wie es weitergeht. Speziell in der dritten Liga wird es problematisch, weil wegbrechende Zuschauereinnahmen sich deutlicher auswirken als in den ersten beiden Ligen, die von wesentlich höheren Fernsehgeldern profitieren.

Ist die dritte Liga aus Ihrer Sicht die von der Krise deutschlandweit am härtesten betroffene Liga, weil sie finanziell im Vergleich zu den ersten beiden Ligen nur unzureichend abgesichert ist?

Sicherlich, weil Zuschauerzahlen und Sponsoreneinnahmen wesentlich vom sportlichen Erfolg abhängen und deshalb unsichere Größen sind. Speziell vor diesem Hintergrund erachte ich die aktuellen Gehälter in der dritten Liga deshalb auch als zu hoch. Ein weiteres Problem ist aktuell auch die Uneinigkeit der Vereine über die Fortsetzung der Spielzeit was sicherlich schädlich für das Ansehen der Spielklasse ist.

Wie sehen Sie die aktuelle Diskussion um die Fortsetzung?

Man sieht, welche Mannschaft aus welchen Gründen an einer Fortsetzung interessiert sind. Eintracht ist ja zum Beispiel nur drei Punkte von der Aufstiegszone entfernt und hofft, den Sprung noch zu schaffen. Klar ist weiterspielen auch die fairste Lösung, die Frage ist aber auch, zu welchem Preis. Die vielen Corona-Tests und der Reiseaufwand mit Unterbringung bei Auswärtsspielen sind ein großer Posten, der von irgendwem bezahlt werden muss. Mit den bislang versprochenen 300 000 Euro kommt man in dieser Hinsicht jedenfalls nicht sehr weit.

Was sagt Ihr Bauchgefühl, wird die Saison fortgesetzt oder nicht?

Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Die Uneinigkeit hat bereits viel Zeit gekostet, außerdem ist es so kaum möglich den Fortsetzungswunsch so an die Politik heranzutragen, dass man ihn auch umgesetzt bekommt. Eine weitere Rolle spielen die hohe Anzahl an noch auszutragenden Spielen, die eine mit weiteren offenen Fragen verbundene Verlängerung über den den 30. Juni hinaus ganz schwierig machen.

Glauben Sie, dass die dritte Liga eine grundlegende Reform benötigt?

Die dritte Liga in zwei Staffeln zu splitten wäre für das sportliche Niveau eine Katastrophe und würde das Ausbildungspotenzial von jungen Spielern verschlechtern. Auch eine zweigleisige vierte Liga wäre wahrscheinlich unrealistisch und mit viel Aufwand verbunden. Ein Beispiel: Als ich mit Hessen Kassel in der Regionalliga Süd gespielt habe, betrug die Reisedistanz zum Auswärtsspiel in Pfullendorf am Bodensee über 500 Kilometer. Die damit verbundenen Kosten wären in einer zweigleisigen Struktur unterhalb der dritten Liga nicht machbar, weil man dort keine reine Profiliga mehr hätte. Die frühere Regelung mit drei oder vier Regionalligen fand ich eigentlich ganz sinnvoll. Die aktuelle Situation mit fünf Staffeln führt zwar zu mehr Derbys hat die Aufstiegsregelung aber komplizierter gemacht.

Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung bei Eintracht?

Der Start war richtig gut, nachdem die Verpflichtungen im Sommer ja schon ein deutliches Zeichen an die Konkurrenz geschickt haben. Die Kombination aus jungem Trainer und erfahrenem Trainer als Sportdirektor fand ich eigentlich ganz sinnvoll und habe mich umso mehr gefragt, wieso alles so schnell wieder Makulatur gewesen ist. Dass es für einen neuen Trainer während der laufenden Saison nicht ganz einfach ist, wieder an Fahrt aufzunehmen, ist angesichts der in Braunschweig herrschenden Erwartungshaltung keine Überraschung. Zuletzt waren die Leistungen allerdings sehr schwankend und entsprachen für mich auswärts nicht der Qualität der Mannschaft.

Angenommen es geht weiter, was trauen Sie Eintracht zu?

Die Qualität der Mannschaft ist für Drittligaverhältnisse überdurchschnittlich, dennoch gilt es wie bei allen Mannschaften abzuwarten, wie man aus der aktuellen Situation wieder in den Spielbetrieb findet. Ohne konkreten Starttermin ist es schwierig sich vorzubereiten. Andererseits sind es nur drei Punkte nach oben, die kann man schnell aufholen.

Welche Eintracht-Spieler haben sich aus ihrer Sicht positiv entwickelt?

Ich habe zwar nicht so viele Spiele gesehen, fand die Leistungen von Patrick Kammerbauer in einigen Spielen aber sehr gut. Auch Niko Kijewski spielt für mich abgeklärt und souverän, mit wenigen Fehlern.

Vor zwei Jahren sind Sie mit Eintracht abgestiegen. Haben Sie aus der damaligen Situation und der Zeit bis zu ihrem eigenen Abschied wenige Monate später etwas für sich selbst gelernt?

Es gibt mehrere Punkte bei den Abläufen rund um den Abstieg, die man für sich analysiert hat. Auch bei der Auswahl des Personals hätte man anschließend Dinge besser und anders machen können. Allerdings hatten wir keine Erfahrungswerte, als es um die Auswahl eines neuen Trainers ging, auch hat es die Art und Weise des Abstiegs schwierig gemacht, eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Der Umbruch war damals mit dem Aufsichtsrat so abgesprochen, fiel vielleicht aber zu gravierend aus. Außerdem wäre ein zusätzlicher, erfahrener Coach im Trainerteam sicherlich von Vorteil gewesen.

Hatte der Verein beim Auswahl des Personals nach dem Bundesligaabstieg insgesamt nicht immer ein gutes Händchen?

Die Fans müssen wissen, dass es Teil des Geschäfts ist auch Spieler im Kader zu haben, die den Verein vielleicht nur als Sprungbrett sehen. Das geht allen Zweitligisten so, allerdings ist es uns auch gelungen, erhebliche Transfererlöse zu erwirtschaften. Mit der Qualität des Kaders von vor zwei Jahren mit Spielern wie Christoffer Nyman und Suleiman Abdullahi hätten wir trotz des Verletzungspechs niemals absteigen dürfen. In den Jahren davor haben 39 Punkte ja auch fast immer zum Klassenerhalt gereicht.

Besteht zu Torsten Lieberknecht, Soeren Oliver Voigt oder anderen ehemaligen Mitstreitern bei Eintracht noch Kontakt?

Zu Torsten besteht eher Kontakt als zu Ollie, allerdings ist der Kontakt lange nicht mehr so intensiv wie früher, was aufgrund der bei uns allen veränderten beruflichen Situation aber auch normal ist. Bei Eintracht besteht noch Kontakt zu den Mitarbeitern der Geschäftsführung, Presseabteilung oder Organisationsleitung, aber auch zu „Bussi“ Skolik.

Wie sehen Ihre beruflichen Zukunftspläne aus?

Seit meinem Abschied bei Eintracht war ich viel unterwegs, habe viele Spiele gesehen und mir Strukturen größerer und kleinerer Vereine angeschaut. Es gab einige Anfragen, die mal von meiner Seite und mal von Vereinsseite nicht zu einer neuen Aufgabe geführt haben. Ich hoffe, dass sich im Sommer wieder etwas ergibt, auch wenn es aufgrund der aktuellen Situation nicht einfacher wird. Ich würde gerne wieder in sportlich verantwortlicher Position eine spannende Aufgabe übernehmen. Gerne würde ich mithelfen einen Verein weiterzuentwickeln oder Strukturen wie NLZ oder Scoutingabteilung neu aufzubauen, die Ligazugehörigkeit ist dabei erstmal zweitrangig.

Wie sind sie und ihre Familie mit der Corona-Krise umgegangen?

Für alle war es am Anfang schwierig. Für unseren Sohn Lucas, der in Eintrachts A-Jugend spielt, fiel Fußball plötzlich weg, außerdem waren für ihn und unsere Tochter Loreen Homeschooling angesagt. Da sich meine Frau Stephanie vor kurzem als Vermögensberaterin selbstständig gemacht, hat war bei uns zu Hause oft „Action“, letztlich hat sich der Alltag für uns alle komplett geändert.

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