Viel Licht und viel Schatten | Neue Braunschweiger
3. November 2015
Kulturelles

Viel Licht und viel Schatten

Tanzabend „Rasender Stillstand“ im Kleinen Haus widmet sich den Phänomenen unserer Zeit.

Schweißtreibende Angelegenheit: „Speedless“ verhandelt als letzter Teil des Tanzabends menschliche Arbeitswelten unter dem Aspekt des Zeitverlustes. Foto: Lioba Schöneck

Von André Pause, 04.11.2015.

Braunschweig. Ein bisschen hin- und hergerissen lässt einen der dreiteilige Tanzabend „Rasender Stillstand“, den Gregor Zöllig als neuer künstlerischer Leiter der Tanzsparte am Staatstheater Braunschweig zu seinem Einstand gemeinsam mit Urs Dietrich konzipiert hat, schon zurück.

Sämtliche Arbeiten widmen sich Phänomenen unserer Zeit, lassen sich jedoch durch den sehr unterschiedlichen Grad der Direktheit, mit der Dinge verhandelt werden, nicht so recht fügen.

Urs Dietrichs „Coincidance“ (kein Schreibfehler, sondern Wortspielhölle) nimmt sich das Thema Zufall sehr abstrakt vor. Eine felsartige Wolke dreht sich zu einem aus der Ferne vernehmbaren Donnergrollen bedrohlich dicht über den Köpfen. Die Tänzer begegnen sich, werden kurzzeitig paarweise eins: Bis sich durch massives Winden jeweils ein Teil dieser Verbindung beziehungsweise jeglicher Berührung entzieht. Ein Ticken – ob Uhr, Zeitbombe oder doch etwas ganz anderes, mag jeder selbst beurteilen – gibt den Takt vor für eine in aller Knappheit demonstrierte Melange aus Empathie und Leidenschaft. Das Zusammentreffen unter zufälligen Umständen kann gutgehen und fruchtbar sein, es kann aber auch scheitern. Dann ist jeder auf sich selbst zurückgeworfen. Gegen diese im Stück spät erkannte Form der Bedrohung wird gekämpft. Warum nur? Womöglich lässt sich der Zufall durch gemeinsame Arbeit ja doch irgendwie minimieren.

Überaus konkret wird Gregor Zöllig im Anschluss mit dem Kernstück „Rasender Stillstand“. Die andauernde Nutzung von Kommunikationsmedien sorgt dafür, dass Begegnungen immer weniger unmittelbar werden. Weil die Menge an in Echtzeit übertragener Information stetig zunimmt, erscheint einem der eigene Aktionsradius immer geringer. Die allgegenwärtige Fixierung der Menschen auf das Smartphone als Aufzeichner und Archivar der Existenz sowie die durch die Minicomputer mögliche Dimension in Sachen Mitteilung nach außen greift Zöllig auf: Bildstark flackern Handys symbolisierende Leuchten auf. Die Tänzer dokumentieren jeden Winkel des eigenen Körpers, setzen sich hedonistisch in Szene, albern herum, persiflieren aber auch das Filmen im Rudel, die vor sich hin stalkende Gesellschaft.

Die turbulente Choreografie mündet – Kommunikationslichter gehen aus und Kerzen an – in paarweiser Ruhe und Entschleunigung. Vorerst. Denn das tröstliche Ende wird verspielt durch eine „Auktion“, bei der, schrill vorgetragen, das Gut „Zeit“ zu Höchstpreisen verhökert wird. Das ist dann doch ein bissel zu viel des Guten, zumal sich die nicht allzu komplexen tänzerischen Motive spätestens hier überholen. Den kritischen Gehalt haben wir ohnehin nach zwei Minuten kapiert.

Den vielleicht stimmigsten Teil des zweistündigen Abends gibt es nach der Pause mit „Speedless“. Unten vollführt das komplette Ensemble in physischer Schwerstarbeit synchron Arbeitsschritte. Doch das immer höhere Tempo der Verrichtung opfert Menschen, die dem Druck des gesellschaftlichen Effektivitäts- und Flexibilitätsverlangens nicht gewachsen sind.

Im Stück liegen sie irgendwann regungslos darnieder, während um sie herum im Takt weitermalocht wird. Orgelsound bohrt sich schneidend in die Ohren, über den Köpfen flimmert eine Fieberkurve, die zugleich Aktienkurs und EKG sein könnte, und die Aufgegebenen entledigen sich ihrer Hemden, wandern ins Abseits. Danach: Nulllinie. Die Sehnsucht, (wieder) Herr über die Zeit zu werden, hat sich nicht erfüllt. Das ist ergreifend, traurig und vor allem: wahr.
Weitere Infos und Termine unter: www.staatstheater-braunschweig.de .

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