„Volle Klassenzimmer sind strafbar“ | Neue Braunschweiger
23. September 2020
Gesundheit

„Volle Klassenzimmer sind strafbar“

Eltern gehen auf die Barrikaden, Protestbriefe an das Land, Forderung nach Klassenteilung

Eltern sind sauer: Corona an der Ricarda-Huch- und der Wilhelm-Bracke-Schule. Am Ricarda-Huch-Gymnasium sind die Fälle am Samstag bekannt geworden. Für die Eltern war es zunächst schwer, Informationen zu bekommen. Foto: Philipp Ziebart

Braunschweig. Die Coronafälle an Braunschweiger Schulen nehmen zu. Jetzt machen Eltern ihrem Ärger Luft, denn sie halten die Vorgaben aus dem Kultusministerium, die zu vollen Klassenzimmern führen, für völlig falsch.

Julia Herrmann zum Beispiel ist stinksauer: „Ich bin richtig auf Krawall gebürstet, wenn mein Kind positiv auf Corona getestet werden sollte, gehe ich zur Polizei und erstatte Strafanzeige, denn das, was hier passiert, ist fahrlässige Körperverletzung.“ Die Mutter von zwei Kindern ist aktuell von dem Coronaausbruch am Ricarda-Huch-Gymnasium betroffen, ihre Tochter geht dort in die 10. Klasse, in der am Samstag ein Coronafall bekannt geworden ist. Der jüngere Sohn war vor zwei Wochen von der Teilschließung an der Nibelungenschule betroffen.Fortsetzung von Seite 1. Eine andere Mutter erreichte die Hiobsbotschaft ihres Kindes auf einer Kurzreise nach Lübeck: „Mama, mein bester Freund hat Corona, was soll ich machen“? Das war Samstagmittag. Mama war ratlos. Was tun?
Ein Telefonmarathon mit anderen Eltern folgte. „Fast alle haben wir versucht, das Gesundheitsamt anzurufen, aber da lief eine Telefonschleife: Wir sind Montag wieder für Sie da“, erzählt die Mutter. Und auch die Hotlinenummern, die im Internet für Stadt und Land zu finden sind, sind nur bis freitags 16, beziehungsweise 18 Uhr besetzt.

„Das Virus macht kein Wochenende“, musste auch Hendrik Georgi erfahren. Der stellvertretende Schulleiter musste versuchen, das Chaos an seiner Schule zu verhindern. Und das scheint ihm gut gelungen zu sein, die Eltern sind mit der Informationspolitik ihrer Schule zufrieden.
Für Georgi war es nicht ganz einfach. „Ich habe am Samstagnachmittag von den positiven Coronafällen erfahren. Leider bin auch ich zunächst nur in der Hotline beim Gesundheitsamt gelandet. Über private Umwege aber fand er einen Weg, am Abend rief ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes bei Georgi an.
„Sicher ist an der Erreichbarkeit am Wochenende noch einiges zu optimieren, aber nachdem der Kontakt dann stand, war die Betreuung und Begleitung wirklich gut“, lobt Georgi. „Schon am Sonntagmorgen hatte ich eine Videokonferenz in einen Raum mit zehn Fachleuten, wo wir gemeinsam besprochen haben, wie wir weiter vorgehen.“ Es gab dann eine offizielle Mitteilung an die Eltern, dass die Kinder der betroffenen Klassen in Quarantäne zu bleiben haben. Eltern und Geschwister aber ausdrücklich davon ausgenommen sind.

Und bei dieser Sichtweise beginnt die Kritik von Julia Herrmann. „Mein Sohn macht eine Lehre, meine Tochter ist in Quarantäne zu Hause und der Junge soll einfach zur Arbeit gehen? Was, wenn sie positiv ist?“ Julia Herrmann hat den Chef ihres Sohnes angerufen und die Situation erklärt. Der hat dem Jungen frei gegeben. „Der Schaden ist größer, wenn er womöglich mit Corona hier in meinen Betrieb kommt“, hat er gesagt.
Julia Herrmann fordert vom Land das sogenannte „Szenario B“: die Klassen werden geteilt, die Hälfte der Schüler wird digital zu Hause unterrichtet. „Alles andere ist Quatsch“ sagt die Mutter, die auch Mitarbeiterin an einer Grundschule ist. „Wir hatten alles auf Abstand organisiert, und jetzt nach den Ferien sitzen 28 Schüler in einem Raum. Ohne Maske. Das ist absurd.“ Die Eltern haben einen Beschwerdebrief an den Kultusminister geschrieben.

Hendrik Georgi, stellvertretender Schulleiter. Foto: Ricarda-Huch

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