Vom Scheitern der Liebe | Neue Braunschweiger
15. Februar 2014
Kulturelles

Vom Scheitern der Liebe

Philipp Kochheim inszeniert Jenö Hubays „Anna Karenina“ in großartigen Bildern

Das Ende einer Liebe: Anna Karenina (Nadja Stefanoff) ist geradezu verrückt vor Eifersucht, Wahnvorstellungen quälen sie, sie hat Angst, den jüngeren Geliebten zu verlieren. Graf Wronskij (Arthur Shen) ist zunehmend genervt. Fotos: Volker Beinhorn

Von Ingeborg Obi-Preuß. 16.02.1014. Braunschweig.

Ein starkes Stück – made in Braunschweig. Das könnte diese „Anna Karenina“ werden. Das Premierenpublikum gestern Abend im Großen Haus zumindest hat sein Herz im Kollektiv verloren.

Zum Sterben schön – ist diese Frau, die Geschichte, die Musik von Jenö Hubay, die starken Bilder (Thomas Gruber), die rauschenden Kostüme (Gabriele Jaenecke, siehe auch Artikel unten).
Nadja Stefanoff ist eine Anna Karenina, wie sie Leo Tolstoi vermutlich vor Augen hatte, als er zwischen 1873 und 1878 seinen weltberühmten Roman schrieb: mutig, schön, stolz. Mit warmem Sopran und starker Bühnenpräsenz lässt sie die Besucher teilhaben an ihrem ergreifenden Schicksal. Mehr noch, Anna nimmt uns mit. In eine Welt der ganz großen Gefühle, der einen, alles überstrahlenden Liebe. Wer könnte sich dem entziehen?
Doch sie ist verheiratet. Der Staatsbeamte Alexej Karenin steht für das konservative zaristische Russland (Rossen Krastev gibt dieser Figur feingezeichnete Facetten und einen samtigen Bass). Die Liebe zu Graf Wronskij (Arthur Shen, der in der Lage ist, seinen schönen Tenor geradezu russisch klingen zu lassen), zieht Anna die Füße unter dem Boden weg, doch die Konventionen und der so sehr geliebte Sohn Serjoscha (wunderbar, wie Maximilian Mienkina den verstörten Jungen darstellt) halten sie zunächst auf.
Dann bricht Anna aus, für einen Moment scheint die Liebe zwischen ihr und Wronkij eine Chance zu haben, aber kaum haben die beiden den ersten Schritt gewagt, scheitern sie als Paar an sich, ihren Ängsten, ihrer Vergangenheit.
Am Ende bleibt eine verzweifelte Frau, die einsam in einem Birkenwald steht (grandioses Bühnenbild), den Tod sucht und findet – zum Sterben schön.
Operndirektor Philipp Kochheim hat dieses vergessene Werk von Jenö Hubay durch Zufall wiederentdeckt, entstaubt und gemeinsam mit Sebastian Beckedorf (musikalische Leitung) zu dem geformt, was jetzt auf der Bühne steht: ein bildgewaltiges Werk mit starken Arien. Die Handlung spielt in der reichen Oberschicht im heutigen Russland, anfangs kommt, fast wie auf einer Themenparty, die Pracht des Zarenreiches zum Tragen. Damals – heute, dieser Spannungsbogen trägt durch die Inszenierung.

Auch interessant