Was der Neandertaler und wir mit Covid-19 zu tun haben | Neue Braunschweiger
25. Januar 2021
Wissenschaft

Was der Neandertaler und wir mit Covid-19 zu tun haben

Schwere Erblast: Dr. Babette Ludowici hat für ihren Blog-Beitrag neue Forschungserkenntnisse zusammengetragen

Bereits in den 1950er Jahren ist bei Salzgitter-Lebenstedt ein Lagerplatz von Neandertalern entdeckt worden, ob es dort ein bisschen so aussah, wie auf diesem Bild? Foto: Pixabay

Braunschweig. Was hat der Neandertaler mit Covid-19 zu tun? Eine ganze Menge. Dr. Babette Ludowici leitet die Abteilung Archäologie des Braunschweigischen Landesmuseums und sendet uns via Internet „Grüße aus der Steinzeit“. So lautet nämlich der Titel ihres aktuellen Beitrags im Blog der drei Landesmuseen. Und der fördert Verblüffendes und nicht gerade Beruhigendes zu Tage.

So haben Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie in Leipzig entdeckt, dass nicht nur ein hohes Lebensalter oder
Vorerkrankungen zu einem schwereren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung führen können, sondern auch das in uns schlummernde genetische Erbe
der Neandertaler. Aber von Anfang an … In der archäologischen Sammlung des Museums finden sich viele Schätze. Darunter zum Beispiel die Fragmente eines Neandertalerschädels. „Eine große Besonderheit“, sagt Babette Ludowici. Nur wenige hundert Individuen der Neandertaler sind bislang bekannt, Knochenfragmente von dieser vor allem in Europa verbreiteten Menschenart sind eine absolute Seltenheit und stehen immer wieder im Interesse der Forschung.

Das Museum hat derzeit nicht nur wegen der Coronapandemie, sondern auch wegen der dort anstehenden Totalrenovierung geschlossen. Dr. Babette Ludowici, Leiterin der archäologischen Abteilung, entwickelt derzeit die neue Dauerausstellung, die im „neuen Museum“ zu sehen sein
soll. Archivfoto: Braunschweigisches Landesmuseum

Und auf aktuelle Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem Coronavirus lenkt Dr. Babette Ludowici nun unsere Aufmerksamkeit. Die Knochen sind bereits in den 1950er Jahren bei Salzgitter-Lebenstedt entdeckt worden. Dem sensationellen Fund waren damals Baggerarbeiten für eine Kläranlage vorausgegangen. Unwissentlich war der Lagerplatz einer Gruppe von Neandertalern ausgehoben worden. Außer den Schädelfragmenten fanden sich als Reste von Jagdbeute diverse Tierknochen und auch Werkzeug wie die angespitzten Rippen eines Mammuts. Derzeit werden die Funde aus Lebenstedt vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum/Leibniz-Institu für Archäologie in Mainz genauer untersucht. Die Wissenschaftler dort möchten herausfinden, ob die Neandertaler ihre Jagdbeute speziell auswählten, ob sie eher junge oder alte Tiere bevorzugten, männliche oder weibliche. Die Funde aus Lebenstedt sind bislang nicht genetisch analysiert worden, es ist nicht bekannt, ob es sich um die Schädelfragmente einer Frau oder eines Mannes handelt. Fakt aber ist, dass zwei Prozent der Erbmasse des modernen Menschen als Folge der Vermischung vom Neandertaler stammen. „Ob das von Vorteil ist oder von Nachteil, das zeigt sich oft erst nach Jahrtausenden“, erläutert Babette Ludowici.

Die Schädelfragmente aus Lebenstedt sind eine absolute Seltenheit. „Wir sind stolz, sie in unserer Sammlung zu haben“, sagt Dr. Babette Ludowici. Foto: Braunschweigisches Landesmuseum

Eine höhere Fruchtbarkeit und ein gestärktes Immunsystem gehen ebenfalls auf dieses genetische Erbe zurück. Nur bei Covid-19 scheinen sich bestimmte Gencluster eher negativ auszuwirken. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die diese Genvariante geerbt haben, bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 künstlich beatmet werden müssen, ist etwa dreimal höher“, sagt Dr. Hugo Zeberg vom Max-Planck-Institut. Besonders häufig findet sie sich bei Menschen in Südasien, wo etwa die Hälfte der Bevölkerung die Neandertaler-Variante
im Genom trägt. In Europa hat einer von sechs Menschen die Risikovariante geerbt. „Es ist erschreckend, dass das genetische Erbe der Neandertaler während der aktuellen Pandemie so tragische Auswirkungen hat. Warum das so ist, muss jetzt so schnell wie möglich erforscht werden“, sagt Svante Pääbo, Direktor am MaxPlanck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

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