Weltgeschichte zum Dessert | Neue Braunschweiger
5. Dezember 2017
Kultur

Weltgeschichte zum Dessert

Sonderausstellung „Porcelaine royale“ im HAUM endet am kommenden Freitag. 

Dr. Martina Minning, Leiterin der Abteilung für Angewandte Kunst im HAUM, ist Kuratorin der Ausstellung. Foto: Schonlau

Von Sigrid Schonlau, 06.12.2017

Braunschweig. Zwei Dessertteller in der Eingangsvitrine eröffnen die Sonderausstellung „Porcelaine royale“, die noch bis Freitag (8. Dezember) im Herzog Anton Ulrich Museum (HAUM) läuft.
Sie bilden die „zeitliche wie inhaltliche Klammer“ für die Exponate aus der Fürstenberg Manufaktur und der kaiserlichen Manufaktur im französischen Sèvres nahe Paris, erklärt Dr. Martina Minning, Leiterin der Abteilung für Angewandte Kunst und Kuratorin der Ausstellung.

Die Bestände aus beiden Manufakturen schlummerten jahrzehntelang unbesehen in den Regalen des HAUM vor sich hin, bis sie nun unter Minnings Federführung entstaubt und gereinigt dem Besucher zugänglich gemacht wurden.
Diesem erlauben sie dabei nicht nur einen Blick auf die Entwicklung des Porzellanhandwerks in Europa zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Mit den zierlichen Tellern verbinden sich auch epochale politische und gesellschaftliche Veränderungen während und in Folge der napoleonischen Kriege.
Als Napoleon sich auf seinem Feldzug 1806 die Stadt Braunschweig einverleibte und seinem jüngsten Bruder, Jérôme, als Teil des Königreichs Westphalen zuschlug, lag die französische Porzellanmanufaktur noch hinter den Leistungen der Fürstenberg Manufaktur zurück. Grund genug für Napoleon, einige Säcke des Materials in die kaiserlich-höfische Manufaktur nach Sèvres zu schaffen, zusammen mit einigen Stücken aus der Fürstenberg Sammlung, um ihr seinen Stempel aufzudrücken und die eigene Produktion voranzutreiben.
War bis dahin bei Hof hauptsächlich von Silbertellern gegessen worden, wurde unter Napoleon das Dessert zum ersten Mal auf Porzellan gereicht.
Dafür wurde Herstellung und Verarbeitung des Porzellans verbessert:
Das Material wurde feiner, die Formen varianten-, die Bemalung facettenreicher.
Farbenprächtiges Tafelgeschirr, Gebrauchsgegenstände wie Vasen und Tischdekor, zum Teil mit motivischen Anleihen an die Antike, Büsten, darunter auch die größte existierende Biscuit-Büste des jüngeren Bruders Jérôme, sie alle sind Teil von rund 140 Exponaten aus dem HAUM zusammen mit aktuellen Leihgaben aus Sèvres.
Detaillierte Anleitungen zu Herstellung von Porzellan und Verkaufslisten mit Preisaufstellungen im Original ergänzen die Ausstellung originell und anschaulich.
Unter dem Namen „Style empire“ wurde der Sèvres-Geschmack trotz des imperialen Gewandes durchaus mit Interesse in anderen Teilen Europas aufgegriffen. Napoleons hochfliegende Pläne blieben bekanntermaßen am Ende in Waterloo stecken.
Ein Jahr nach der verlorenen Schlacht reiste 1816 eine Gesandtschaft von Braunschweig nach Sèvres, um Teile des geraubten Geschirrs und obendrein einige Stücke aus der kaiserlichen Manufaktur als Ausgleich wieder nach Braunschweig zu holen.
Und so zeigt die Ausstellung nun einen Teller aus der Fürstenberg Manufaktur von 1806 mit noch recht schlichtem und unbeholfenem Dekor im Vergleich zu dem Teller aus Sèvres fast zehn Jahre später, der komplett vergoldet und in der Mitte mit einem aufwendigen Stillleben verziert fast eine täuschend echte Edelmetallnachbildung darstellt.
Die elegante Verknüpfung zwischen konkretem Objekt und zeitgeschichtlichem Rahmen macht diese Ausstellung nicht nur zu einem schönen Darstellungsraum für fein gearbeitete Exponate, sondern zu einem gut konzipierten Kunstwerk an sich.
Infos: www.3landesmuseen.de.

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