Wenn bei Capri die rote Sonne … | Neue Braunschweiger
30. August 2013
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Wenn bei Capri die rote Sonne …

Ein ganz persönlicher Reisebericht zum Nach(er)fahren – La dolce vita im südlichen Italien: Von Neapel zur Amalfiküste.

Amalfi zählt zu den schönsten Ferienorten an der Küste. Fotos (4): Martina Jurk

Von Martina Jurk, 25.08.2013

„Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ – kaum ein anderer Schlager weckte in den 50ern so das Fernweh der Deutschen. Jahrzehnte später kennt kaum noch jemand Rudi Schurickes schmalzigen Gesang. Die Sehnsucht nach Italien allerdings ist geblieben.

Es muss was dran sein an der Gegend im Süden Italiens, wenn sich dort sogar die griechischen Götter wohlgefühlt haben: An den Küsten und Inseln im Golf von Neapel und Golf von Salerno, getrennt durch die Halbinsel von Sorrent, an deren östlicher Seite sich die Costiera Amalfitana befindet. Die Namen der Küstenorte klingen wie Musik: Castellammare, Positano, Ravello. Sie inspirierten und inspirieren Künstler aller Genres damals wie heute.
Nach gut zwei Stunden Flug in Napoli (Neapel) gelandet, bin ich fast am Ziel meiner Träume. Knapp zwei Stunden Busfahrt bis Massalubrense an der Spitze der Halbinsel sind kein notwendiges Übel, sondern bestens geeignet, zu begreifen, wo ich bin. Der Blick auf den Golf von Neapel atemberaubend, die Nähe des Vesuvs, an dem die Millionenmetropole klebt, ehrfürchtig, das Bergpanorama der Apenninen unerwartet, die Stadt Sorrento einkaufsparadiesisch – und der Blick auf Capri und Ischia traumhaft.
Das Hotel „Central Park“ in der Via Massa Turro besticht durch seine familiäre Atmosphäre. Das Essen lässt keine Wünsche offen. Massalubrense ist eine Gemeinde mit 14 000 Einwohnern und ein perfekter Ausgangspunkt für Unternehmungen in die Region – aber vor allem ein Geheimtipp. Die Geschäfte sind weniger auf Touristen abgezielt. Hier in den kleinen Gassen, auf den Plätzen, im kleinen Fischerhafen und in den Zitronen- und Olivenhainen spielt sich das ursprüngliche Leben ab. Die Auslagen des Gemüsehändlers an der Ecke sind voll mit einheimischen mediterranen Obst- und Gemüsesorten. Im Laden um die Ecke stellt der Inhaber die Schuhe aus feinstem italienischen Leder noch selbst her. In der Eisdiele übertrumpfen sich die verschiedensten Sorten (die Italiener können‘s einfach am besten). In der Ladies Bar treffen sich am Nachmittag die Massalubrenser nach der Arbeit zum Espresso, zum Limoncello (der typische Zitronenlikör), zum Smaltalk oder zum einfach nur in der Sonne sitzen. Motorroller knattern vorbei, auf die sich ganze Familien quetschen.
Italien entpuppt sich als kinderfreundliches Land. Sofort fallen mir die Bambini auf, von denen es hier viele gibt. Entsprechend groß ist die Zahl der Läden, die Kinderbekleidung und Spielwaren verkaufen. Am Abend geht bei Capri tatsächlich die Sonne unter – gut zu beobachten von der Aussichtsplattform des oben an der Steilküste gelegenen Ortszentrums. Ganz unten liegt der kleine Hafen.
Der Weg hinunter verursacht Muskelkater in den Beinen. Doch der Besuch bei Angelo‘s entschädigt für die Anstrengung. Angelo betreibt mit seiner Frau und seinen Töchtern eine Snackbar. Der erste Besuch sollte nicht der letzte sein. Am Ende der Reise fühle ich mich fast wie ein Familienmitglied. Mir wird klar, die Italiener nehmen das Leben leichter – la dolce vita. Für mich ist jeder Tag ein Jungbrunnen. Auch klimatisch: Es gibt in dieser Gegend nie Frost. Zitronen werden dreimal im Jahr geerntet.
Der April erweist sich als gute Reisezeit. Im Sommer kann es mitunter extrem heiß und trocken werden. Die bekannten Ferienorte werden dann von Touristen regelrecht überschwemmt. Ich habe also Glück und kann mich treiben lassen. Mein Weg führt mich auf der Amalfitana – sie gilt als schönste Küstenstraße Europas – nach Positano mit einer außergewöhnlichen Bauweise, nach Amalfi mit dem berühmten Dom und nach Ravello, wo sich Künstler wie Boccaccio und Wagner inspirieren ließen. Weiter nach Pompeji, der antiken Stadt, die im Jahre 79 nach Christo beim Ausbruch des Vesuvs verschüttet und im 18. Jahrhundert wiederentdeckt wurde und heute ein weltweit einzigartiges Zeugnis des Römischen Reiches ist.
In Sorrento lande ich im gleichnamigen Café, dessen Inhaber Antonio Cafiero eine Berühmtheit ist. Der Laden hat Kultcharakter, er ist tapeziert mit Fotos, auf denen Antonio mit der Prominenz dieser Welt zu sehen ist, sogar mit dem Papst. Im siebten Gourmethimmel bin ich bei Raffaele Mandara, wo ich meine heiß geliebten Spaghetti Frutti di mare verschlinge.
Der Vesuv, der als gefährlichster Vulkan Europas gilt, erhebt sein Haupt drohend über die ganze Gegend. Dass er irgendwann ausbricht, ist für die Wissenschaftler und Experten eine Gewissheit. Aber es scheint so, als ob die Menschen ihren Frieden mit ihm geschlossen haben. Sie leben mit ihrem Vulkan und profitieren von ihm. Er lockt Touristen an und bringt fruchtbare Erde. Und er ist das Wahrzeichen ganz Kampaniens. Die sehr religiösen Neapolitaner glauben und beten, dass ihr Vesuvio weiter schläft.
In einem von Hunderten Souvenirshops kaufe ich eine Schneekugel mit dem ausbrechenden Vulkan darin. Die Taschen habe ich voll mit selbstgepflückten und aufgesammelten Zitronen. Sauer fahre ich nach Hause – auch weil ich diesen schönen Flecken Erde und die Menschen, die ihn bewohnen, verlassen muss. Ich verspreche, ich komme wieder.

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