19. Februar 2022
Buntes

Wenn die Eltern älter werden

Jochen Mertens und Thomas Wendt haben selbst gepflegt – und einen Ratgeber geschrieben

Die beiden Hamburger Jochen Mertens (links) und Thomas Wendt haben sich in den vergangenen 25 Jahren um Eltern und Verwandte gekümmert und geben ihre Erfahrungen weiter. Foto: Köpcke

Braunschweig/Hamburg. Versorgung, Pflege, Unterkunft: Wenn die Eltern alt werden, muss der Alltag völlig neu organisiert werden. Jochen Mertens (61) und Thomas Wendt (65) kennen das gut.

Die beiden Hamburger haben sich um Vater, Mutter, Onkel und Tanten gekümmert und aus der Erfahrung gelernt. „Als Sohn oder Tochter bist du auf so etwas nicht vorbereitet, egal wie alt du bist. Wer beschäftigt sich schon mit der Pflege der Eltern, wenn alles gut läuft?“, so Jochen Mertens.
Am Ende sind viele Bälle in der Luft, damit die tägliche Betreuung klappt – und keiner darf herunterfallen. Mertens und Wendt haben ihre Geschichte in einem Buch aufgeschrieben und geben allen, die in einer ähnlichen Situation sind, hilfreiche Tipps. Wir haben uns mit Jochen Mertens am Telefon unterhalten.

Herr Mertens, mal Hand aufs Herz: Jeder von uns hätte gerne, dass die Eltern immer stark bleiben. Leider ist es nicht so und das Verhältnis dreht sich irgendwann um…

Genauso ist es. Dann kommt der Zeitpunkt, an dem man als Kind plötzlich die Verantwortung übernehmen muss. Das ist am Anfang nicht einfach. Denn auf der einen Seite will man helfen, auf der anderen seine Eltern auch nicht bevormunden. Mein Vater und meine Mutter waren bis ins hohe Alter fit, sind viel gereist, haben ihr eigenes Leben gelebt. Mich hat es belastet, dass meine Mutter meinen Vater unbedingt selber pflegen, mich aus allem heraus halten wollte – und es für sie immer anstrengender wurde.

Ist dann Streit vorprogrammiert?

Das kann passieren, ja. Zumal alte Menschen ja nicht unbedingt altersmilde, sondern auch ruppig und starrsinnig werden können. Wer sieht schon gerne, wie seine Kräfte schwinden und andere entscheiden wollen, was gut oder was schlecht ist. Meine Mutter warf uns zum Schluss vor, sie „in ein Heim gesteckt zu haben“. Tante Gretel konnte dagegen laut und unbeherrscht werden. Mit der Zeit verkleinerte sich dadurch der Kreis der Therapeuten, Pfleger, Unterstützer und Freunde, weil sie keine Lust mehr auf den rüden Ton hatten.

Ihre Mutter und Ihre Tante wurden am Anfang zu Hause versorgt, bevor als letzte Möglichkeit nur noch das Heim blieb. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Als lehrreich, aber auch als sehr anstrengend. Bei meiner Tante standen zwei Putzfrauen und der Gärtner Gewehr bei Fuß. Es wurde ein Hausnotruf installiert und ein Menüdienst bestellt. Außerdem kam zweimal am Tag der Pflegedienst. Ich selbst fuhr einmal in der Woche hin und kümmerte mich um die Post und Rechnungen. Das ist ein fein gesponnenes Netz und wehe es gibt Störfeuer.

Ist das passiert?

Ja, es gab Zeiten, da hinterfragte das Umfeld meine ganzen Entscheidungen. Eine Freundin meiner Tante Gretel befand zum Beispiel, dass das Essen des Menüdienstes ein „Fraß“ sei und bestellte ihn hinter meinem Rücken kurzerhand ab. Da müssen Sie dann Freude am Ärger haben. (lacht). Angehörige zu Hause zu pflegen ist Schwerstarbeit. Das war bei mir nicht anders. Meine Mutter und meine Tante wurden im hohen Alter beide dement und unkalkulierbar. Meine Mutter hat nachts das Radio und den Fernseher auf volle Lautstärke gedreht und sich wieder ins Bett gelegt. Oder sie hängte nasse Wäsche in den Büschen vor dem Haus auf. Ich lernte damit umzugehen. Wenn sie unruhig wurde, setzte ich sie ins Auto und fuhr sie ums Viertel. Das hat tatsächlich geholfen.

Nicht nur in der Familie gibt es eine Menge Herausforderungen. Da sind Anträge auszufüllen, Belege zu sammeln, wenn es um die Organisation der Pflege geht. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Vermutlich die, die viele von uns machen: Man fühlt sich am Anfang rat- und hilflos. Fakt ist: Eine Leistung gibt es nur, wenn man am besten schon vorher weiß, dass es sie gibt und auf das Komma genau korrekt beantragt – egal, ob es sich um einen Badewannenlifter, den Toilettenstuhl oder den seniorengerechten Umbau der Wohnung handelt.

Was raten Sie Eltern und Angehörigen?

Sich möglichst frühzeitig mit dem Alter auseinanderzusetzen. Schon einmal zu überlegen, wie die Wohnung angepasst werden kann, welches Seniorenheim in Frage kommt, falls doch ein Umzug nötig wird und sich auch mit dem Betreuungsrecht auseinanderzusetzen. Der „Pflegekompass“, den ich mit Thomas Wendt verfasst habe, kann gut als Leitfaden dienen.

 

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