Wenn „Mausi“ plötzlich Zähne zeigt

Frauen berichten von Belästigungen während der Fahrstunde – Fahrschulgemeinschaft bietet Hilfe an

„Nein heißt Nein!“: Das gilt für Michael Tiedemann, Bernd Blonsky und Sifu Peter Graun (v. l.) auch in Fahrschulwagen. Foto: Birgit Wiefel

Braunschweig. Prüfung bestanden, alle Aufregung vergessen: Der Moment, in dem ein Fahrschüler den Führerschein entgegennimmt, gehört sicher zu den schönsten im Leben. Nur nicht für Marie. Die junge Frau war einfach nur froh, einer unerträglichen Situation zu entkommen.

Marie heißt im wirklichen Leben nicht Marie. Doch unter diesem Namen hat ihr Fall im Internet Kreise gezogen. Auch das Portal News38 berichtete darüber: Die 19-Jährige wurde während ihrer Fahrstunden Opfer massiver Belästigungen. „Ich hatte schon morgens Angst, auch wenn ich meistens erst abends Fahrstunden hatte“, schrieb Marie später ihre Erlebnisse in einem Bericht auf. Die Fahrschulgemeinschaft Braunschweig (FGB), in der 15 Fahrschulen organisiert sind, will nun den guten Ruf der Branche retten und hat eine Aktion gestartet.

„Wir möchten den Schülerinnen die Möglichkeit geben, Übergriffe zu melden und sich in akuten Situationen wehren zu können“, so Vereinssprecher Bernd Blonsky. Am Samstag (17. November) beginnt ein Pilotprojekt unter dem Titel: „Selbstbehauptung für Fahrschüler“. In Kooperation mit dem Kung-Fu-Meister Sifu Peter Graun vom Wing Chun-Zentrum Deutschland lernen sie, wie sie sexuellen Übergriffe oder sexistischen Bemerkungen selbstbewusst entgegentreten.
„Ich vermittele die Grundtechniken des Wing Chun“, erklärt Graun, „führe die Schüler aber auch in die Regeln und Werte des Kampfsports ein – Respekt und Höflichkeit.“

FGB-Mitglied Michael Tiedemann (rechts) wehrt im Wing-Chun-Workshop einen Kollegen ab. Foto: Tarik Dulich

Was es heißt, auf der anderen, der schwächeren Seite zu stehen, erfuhren die Fahrlehrer bei einem ersten Schnuppertraining. „In einem engen Fahrschulwagen plötzlich eine Hand auf dem Knie zu haben, mit ‘Schätzchen’, ‘Mausi’ oder ‘Hase’ angemacht zu werden und dafür keine Zeugen zu haben, hinterlässt ein Gefühl der Ohnmacht“, zeigt Bernd Blonsky Verständnis. Im Zweifelsfall stünde dann Aussage gegen Aussage.

„Was viele nicht wissen oder sich nicht trauen: Man kann jederzeit die Fahrschule wechseln. Niemand muss ‘da durch’“, macht FGB-Mitglied Michael Tiedemann klar. Es entstünden auch keine Nachteile oder ein riesiger bürokratischer Aufwand. „Was anfällt, ist lediglich eine kleine Gebühr im zweistelligen Bereich“, so Tiedemann. Zusätzlich zu den Kampfsportkursen wird es eine neutrale Anlaufstelle für Opfer von Belästigungen geben: Die Fahrschulgemeinschaft kooperiert mit der Frauen- und Mädchenberatung bei sexueller Gewalt. Im Rahmen der Kampagne „Nein heißt Nein!“ wollen auch die Fahrlehrer klarmachen, „dass es null Toleranz gegen Übergriffe jeglicher Art gibt“, sagt Blonsky fest. Sollten die Selbstverteidigungskurse auf genügend Resonanz stoßen, will der Verein, sie zu einem festen Angebot für seine Fahrschulen machen. Für den Termin am 17. November gibt es noch freie Plätze.

^