21. Mai 2022
Verkehr

„Wer aufs Rad setzt, muss konsequent sein“

Der Verkehrspsychologe Mark Vollrath über Konflikte auf Straße und Fußweg – und wie man sie lösen kann

Langfristig muss dem Radverkehr deutlich mehr Platz eingeräumt werden, zum Beispiel indem eine Autospur nur für Fahrräder reserviert ist. Schutzstreifen auf der Fahrbahn sind nach Ansicht von TU-Verkehrspsychologe Mark Vollrath zu wenig. Foto: Stefan Lohmann/Regios24

Braunschweig. Die Zeit der leeren Straßen ist vorbei. Mit dem Ende des Home-Office-Pflicht kehren auch die Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger zurück. Sie unter einen Hut zu bringen, ist ein Kapitel für sich. Denn nicht nur auf den Straßen wird es eng, auch auf den Bürgersteigen kommen sich E-Bikes, E-Roller, normale Schalträder und Passanten immer wieder in die Quere.

Wie sollten sich Kommunen aufstellen, damit die Mobilität, die in Zukunft ja noch deutlich mehr aufs Fahrrad setzen will, funktionieren kann? Wir haben uns dazu mit dem Verkehrspsychologen Professor Dr. Mark Vollrath von der TU unterhalten.

Professor Dr. Marl Vollrath. Foto: Andreas Eberhard

Herr Professor Vollrath, gefühlt ist gerade Gott und die Welt mit dem Bike unterwegs, was nicht nur an der warmen Jahreszeit, sondern vermutlich auch am teuren Sprit liegt. Können Sie diesen Eindruck bestätigen?

Ja. Es gibt übrigens auch Erhebungen – zum Beispiel vom Karlsruher Institut für Technologie – die zeigen, dass der Radverkehr in den vergangenen fünf bis zehn Jahren stetig zugenommen hat. Man sollte sich allerdings nicht täuschen: Nur etwa sieben bis zehn Prozent aller Wege werden aktuell mit dem Fahrrad zurückgelegt, der Fokus liegt immer noch auf dem Auto.

Reicht denn die Infrastruktur in Braunschweig aus, um die Menge an Rädern aufzunehmen?

In den vergangenen Jahren wurde viel dafür getan. Der Mobilitätsentwicklungsplan, der Ausbau des Ringgleises, die Fahrradstraßen – das sind alles Schritte in die richtige Richtung. Dennoch gibt es natürlich noch Luft nach oben.

Wo konkret?

Viele Radwege sind zu schmal oder vom Zustand her schlecht. Auch die Führung ist an manchen Stellen nicht optimal. Nehmen Sie den Ringgleis-Abschnitt am Heizkraftwerk Mitte: Er verläuft in Kurven, ist also nicht einsehbar, und wird begrenzt durch massive Metallwände. Er birgt damit ein hohes Unfallrisiko. Ein anderer Punkt sind die weit auseinanderliegenden Ampelübergänge. Sie verführen dazu, auf der falschen Seite zu radeln, um Umwege zu sparen. Das ist aber brandgefährlich, denn Autofahrer, die aus einer Ausfahrt herausfahren, rechnen nicht damit, dass jemand von der verkehrten Seite kommt und Strafen haben bislang keine langfristige Wirkung gezeigt. Hilfreich wären hier zum Beispiel weitere Furten, mit denen sich unkompliziert die Straße queren lassen.

Ein Problem scheint auch dort zu entstehen, wo unterschiedliche Geschwindigkeiten aufeinanderprallen. Zum Beispiel Pedelecs, E-Roller und Fußgänger auf den Bürgersteigen…

Auf jeden Fall. Eigentlich wird vorausgesetzt, dass alle Rücksicht aufeinander nehmen, aber das ist leider nicht so. Auf dem Ringgleis wurde deshalb schon mit Schildern nachgebessert, damit Fußgänger und Radfahrer aufeinander achtgeben. Im Hinblick auf E-Bikes oder E-Scooter müssten die Wege eigentlich deutlich breiter sein oder diese müssten auf die Straße geleitet werden, sonst kommt es immer wieder Konfliktsituationen mit rasenden Pizzaboten oder Pedelecfahrern, die die Technik noch nicht unter Kontrolle haben.

Wie sollte sich eine Stadt dann am besten aufstellen? Schließlich ist der Ausbau des Radverkehrs neben der Verbesserung des ÖPNV eines der wichtigstes Klimaziele in den Kommunen …

Man muss sich überlegen, was man will und das dann konsequent umsetzen. In der Vergangenheit wurden Städte völlig aufs Auto hin ausgerichtet – auch Braunschweig. Eine Innenstadt ohne Autos ist aber nicht nur umweltfreundlicher, sie ist auch viel lebenswerter und angenehmer. Das es geht, zeigen andere Städte in Deutschland oder den Niederlanden. Man könnte zum Beispiel Quartiersparkplätze schaffen, wo Besucher oder Pendler aus dem Umland ihr Auto abstellen und dann den ÖPNV oder Leihräder nutzen können, um in die Stadt zu gelangen. Die wäre dann nur noch für Taxen und Lieferfahrzeuge frei.

Ein solcher Ansatz wird ja schon in der geplanten Bahnstadt verfolgt …

Genau. Es ist ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Darüber hinaus könnte man eine Autospur dauerhaft für Fahrräder reservieren. Im Moment gibt es auf dem Ring zwei Spuren für den Kraftfahrzeugverkehr, für ihn bliebe dann nur noch eine.

Reichen denn die Schutzstreifen oder Radfahrstreifen auf den Fahrbahnen nicht aus?

Nein. Die Radfahrer werden zwar sichtbarer, aber Autofahrer tendieren dann dazu, viel zu dicht an den Bikern vorbeizufahren, da sie den Eindruck haben, der Fahrradbereich ende an der Linie. Nehmen Sie den Messeweg. Dort wurde der Schutzstreifen rot markiert und durch Striche begrenzt. Für die Autofahrer ist die Fahrbahn aber viel schmaler geworden. Weichen sie einem entgegenkommenden Fahrzeug aus, geraten sie auf den Fahrradstreifen. Wirklich sichere Radstreifen müssten viel breiter sein und am besten noch durch Blumenkästen von der Autospur abgetrennt sein. Aber das ist natürlich illusorisch.

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