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„Wer Erfolg haben will, muss den Finger heben“

Ishak Demirbag lebt seit mehr als 40 Jahren in Deutschland, fasste allerdings erst später richtig Fuß – Heute ist er voll integriert.

Ishak Demirbag: Politisch interessiert und gesellschaftlich voll integriert. Foto: T.A.

Von Birgit Leute, 16.03.2014.

Braunschweig. „Ich wurde zweimal geboren“, sagt Ishak Demirbag über sich selbst: Einmal in der Türkei und einmal in Deutschland – an dem Tag, an dem er endlich Fuß gefasst hatte und aufstieg. Beruflich wie gesellschaftlich.

Im Augenblick hat Iskah Demirbag gerade mächtig viel um die Ohren: Die Sprachkurse im Haus der Kulturen haben Pause, Jugendliche aus Spanien und Italien drängeln sich an der kleinen Bar, an der Ishak Demirbag, Vorsitzender und manchmal eben auch „Barista“ Kaffee, Cappuccino und Wasser ausgibt. Trotzdem hat er Zeit für ein Gespräch und erzählt zwischen Theke und Telefon aus seinem Leben. Von der Kindheit in der Türkei und dem schwierigen Start im fremden Deutschland.

„Der Anfang war nicht leicht. Das Einzige, was sich mich von den anderen Türken in Deutschland unterschied, war die Tatsache, dass ich mit dem Flugzeug nach Deutschland kam, was zu diesem Zeitpunkt nicht selbstverständlich war“, erzählt Demirbag und muss lächeln. Demirbag kam 1971 in seine neue Heimat, nachdem der Vater ihn und seine Mutter nachgeholt hatte. Das Ziel: Göttingen. „Umzuziehen und neu anzufangen – das war nicht das Problem. Meine Familie stammt ursprünglich vom Schwarzen Meer, siedelte Ende der 40er Jahre nach Ostanatolien um. Schon damals blickte man etwas komisch auf uns, denn die Leute von der Schwarzmeerküste gelten als die Ostfriesen der Türkei“, erklärt Demirbag.

Deutschland war für den jungen Ishak trotzdem eine ganz neue Herausforderung. „Mein Vater arbeitete Vollzeit bei den Göttinger Betonwerken, meine Mutter im Schichtdienst bei Bosch – manchmal sah ich sie eine ganze Woche lang nicht“, erinnert sich Demirbag. Es blieb nicht aus, dass Ishak in der Schule irgendwann hinterherhinkte. „Deutsch zu sprechen, hatte ich relativ schnell gelernt, aber ich hätte Hilfe bei der Rechtschreibung und in den Fächern gebraucht“, sagt Demirbag heute rückblickend. Die konnten ihm seine Eltern nicht geben – einerseits aus Zeitmangel, andererseits aufgrund fehlender Bildung. „Ich gehöre zu den verlorenen Kindern“, sagt Demirbag schlicht über seine Situation als Türke zweiter Generation. Deutschland, das sei für viele Gastarbeiter nur ein Übergang gewesen. „Immer hieß es, lerne Türkisch, denn wenn du nach Hause kommst, musst du es sprechen können“, sagt Demirbag über die für ihn eher verwirrende als nützliche Sprachenpolitik. Irgendwann ging er dann einfach von der Hauptschule ab und holte erst einige Jahre später den Abschluss nach. „Ich begann dann eine Lehre als Autoschlosser – so wie es mein Vater für mich immer gewünscht hatte“, sagt Demirbag. Nicht sein Traumjob, aber eine Grundlage. 1981 schloss Demribag die Lehre ab.

Die Wende – oder wie Demirbag sagt „die zweite Geburt“ – erfolgte Mitte der 1980er Jahre. Demirbag lernte viele politische Flüchtlinge kennen, die nach dem Militärputsch 1980 in der Türkei ihrem Heimatland den Rücken kehrten. Außerdem ließ er den ungeliebten Job als Schlosser fallen und machte sich mit einem Handel für Lederwaren selbstständig.

„Durch den Austausch mit den Flüchtlingen begann ich mich, für Politik zu interessieren, entwickelte so etwas wie eine soziale Ader und schloss mich ein paar Jahre später auch deutschen Vereinen an“, sagt Demirbag über diese für ihn wichtige Zeit. Heute ist der Braunschweiger türkischen Ursprungs Mitglied in der SPD, Vorsitzender des Hauses der Kulturen und in seiner Freizeit aktives Mitglied im Schützenverein. „Ich nehme meine neue Heimat an, ohne mein Türkischsein zu verleugnen. Es interessiert mich, wie sich Deutsche in bestimmten Situationen verhalten, welche Benimmregeln herrschen. Wie fordert man zum Beispiel eine Frau zum Tanz auf, wie führt man sie an ihren Platz zurück?“, erzählt Demirbag von seinen ersten Schützenfesten.

Dass viele jüngere Türken zum Teil Schwierigkeiten mit der Integration und der Sprache haben – diesen Eindruck teilt er, doch es macht ihn eher ungeduldig. „Ich hätte mir früher all diese Nachhilfe- und Integrationsprogramme gewünscht, die junge Türken heute praktisch ’nachgeworfen’ bekommen. Warum ziehen sie nicht viel mehr Nutzen daraus?“, hadert er mit der dritten und vierten Generation der Migranten. Seine Erfahrung: Wer Erfolg haben will, der muss aktiv werden, Probleme ansprechen und auch mal den Finger für seine Rechte heben. „Sonst passiert nichts“, sagt Demirbag.

In Kürze

Ishak Demirbag wurde 1962 in Hinis geboren. Er ist verheiratet und hat keine Kinder. Nach einer Ausbildung zum Schlosser sattelte er 1985 noch einmal um und machte sich selbstständig. Derzeit ist er Vorsitzender des Hauses der Kulturen und aktives SPD-Mitglied.

Die Serie

Seit den Ergebnissen der ersten Pisa-Studien ist das Bild eigentlich fertig: Rund ein Viertel der Migranten – vor allem die türkischstämmigen – gelten als Bildungsversager, als integrationsunwillig, kurz: als Mitbürger, für die eigens Programme entwickelt werden, damit sie nicht auf der Strecke bleiben. An dieser Meinung hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht wirklich etwas geändert. Und doch: Es gibt Migranten, die es geschafft haben, die in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft gute Positionen bekleiden und als Beispiel für eine gelungene Integration beziehungsweise als Vorbild für andere Bürger mit ausländischen Wurzeln dienen können. In der nB-Serie „Angekommen“ stellen wir einige vor.

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