Wer stark sein will, muss zittern

20 Minuten EMS-Training: Traumfigur aus der Steckdose

Beate Menzel und Klaus Rackwitz stehen im Studio für Bewegung & Gesundheit jederzeit als Trainer zur Verfügung. Fotos (2): privat

Von Maria Lüer, 19.12.2017

Helmstedt. Es fing an im Bauch – Muskelkater. Er hatte fast zwei Tage auf sich warten lassen, traf mich dann aber mit einer bisher unbekannten Heftigkeit. Er zog in die Oberschenkel, in den Rücken, in die Arme. Und das nach nur 20 Minuten Training. EMS, Elektronische Muskelstimulation, ist das Stichwort. Der Trend, der den gesamten Körper gleichzeitig trainieren und angeblich stundenlange Workouts an Geräten und Hanteln überflüssig machen soll.
Im Studio für Bewegung & Gesundheit am Holzberg 15/16, das der einzige Anbieter in Helmstedt ist, der das Ganzkörpertraining im Programm hat, wollte ich das unbedingt ausprobieren.
Während der Einweisung bekomme ich einen guten Rat von meiner Trainerin: „Wenn es richtig wirken soll, darfst du natürlich nicht schon beim ersten Kribbeln aufgeben“, erklärt Beate Menzel, während sie mir die spezielle Weste anlegt, mich verkabelt und den verdrahteten Body schließlich strammzieht. Und zwar richtig stramm – Amten fällt fürs erste flach.
Und dann fließt auch schon der erste Strom.
Zuerst werden die Oberschenkel mit Spannung versorgt.
Ein Kribbeln, das sich anfühlt wie eine Mischung aus Vibration und kleinen Nadeln, die in die Muskeln eindringen. Als nächstes wird die Spannungsstärke für den Hintern, den unteren Rücken, den Bauch und die Arme festgelegt. Tatsächlich: Hier muss man richtig ranklotzen, ob man will oder nicht. Denn der Strom kommt in immer gleichen Intervallen.
Und dann ist man entweder vorbereitet, spannt die Muskeln an und hält dagegen oder man wird von den Impulsen außer Gefecht gesetzt.
„Geht da noch mehr?“, fragt Klaus Rackwitz und dreht die Schalter nach einem gepresst „ok“ meinerseits etwas höher.
Ich bin noch mit dem Ausatmen beschäftigt. Unangenehm ist das stärker werdende Kribbeln vor allem am Bauch – als würde jemand grob darauf herumtrampeln. Dabei noch eine gute Haltung zu bewahren, ist gar nicht mal so leicht.
In unterschiedlichen Übungen mit leichten Bewegungen werden alle verkabelten Muskelgruppen angesprochen. Das Prinzip:
Der Strom sorgt für Muskel-Kontraktion, und die Muskeln werden stärker. Jede Übung wird zum Kraftakt. Der Puls schnellt nach oben, ich schwitze bereits nach einigen Minuten. Fitness für Faule? Fehlanzeige!
Bei Menschen mit Herzschrittmachern oder Epilepsie wird von EMS im Übrigen abgeraten, Schwangere sollten auch nicht unter Strom trainieren. Aber für alle anderen soll das gesund sein? Glaubt man Experten, dann ja. Muskelgruppen mit Reizstrom zu belasten, kommt nämlich aus der Reha. Dort wird die Methode schon länger eingesetzt, etwa um nach Verletzungen Muskeln wieder aufzubauen. Später machten sich vor allem Spitzensportler den Strom zunutze, um ihre Leistung zu steigern.
Trotz anfänglicher Skepsis bin ich vom Training begeistert – ich habe das Gefühl etwas getan zu haben und fühle ich mich genauso platt wie nach einem 15-Kilometer-Lauf. Die positiven Effekte des Trainings überwiegen, versichern mir meine beiden Trainer, solange die Methode zusammen mit einem Ausdauer- und Krafttraining betrieben wird. Und:
Dass gerade Bewegungsmuffel auch Erfolge alleine durch das EMS-Training verzeichnen, ist durchaus möglich – nur werden Knochen, Bänder und Sehnen dabei nicht so stark belastet, weshalb eine Kombination mit klassischem Kraft- und Ausdauertraining empfehlenswert ist.

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