Wie wir uns so erinnern | Neue Braunschweiger
30. Mai 2016
Kulturelles

Wie wir uns so erinnern

Florian Hertweck inszeniert W. G. Sebalds „Austerlitz“ im U22-Keller

Von André Pause, 30.05.2016.

Braunschweig. „Aber wenn alles weiß ist, wie wissen dann die Eichhörnchen, wo sie ihren Vorrat verborgen haben? Wie wissen die Eichhörnchen das, und was wissen wir überhaupt, und wie erinnern wir uns, und was entdecken wir nicht am Ende?“ – das sind entscheidende Fragen im Roman „Austerlitz“ von W. G. Sebald. Es geht um die Formen und die Bewahrung von Erinnerung, auch um die Hürden und Sperren im Erinnerungsprozess.

Der junge Regisseur Florian Herweck hat das Stück als Ein-Mann-Format inszeniert. Schauspieler Tobias Beyer erzählt die Geschichte von Jacques Austerlitz, der erst als erwachsener Mann seine wahre Herkunft entdeckt und sich auf Spurensuche begibt. Auf der kleinen Bühne des U22 im Kleinen Haus führt Beyer die Rollen des namentlich unbekannten Ich-Erzählers und die des Jacques Austerlitz im Monolog zusammen: dicht und mäandernd. Das ist eine Herausforderung. Für den Schauspieler im 80-minütigen Dauereinsatz ohnehin, aber auch für den Besucher, der sich über das Konstrukt aus durchaus manirierten Schachtelsätzen mit verschiedenen Zeit- und Erzählebenen konfrontiert sieht.

Die Sandkasten-Spielplatz-Bühnenkulisse weist einerseits in die Vergangenheit, in die Kindheit des Austerlitz, wo geschaukelt, geklettert oder Hickelkasten gehüpft wird, trägt aber zugleich dem Umstand Rechnung, dass die handelnden Personen über die Architektur und Baugeschichte als Spiegel der menschlichen Seele in einen Austausch kommen.

Tobias Beyer spricht und spielt Austerlitz‘ nachträgliche Suche nach der eigenen Persönlichkeit bei der Premiere berührend und eindringlich. Der Applaus fällt zurecht kräftig aus . In dieser Spielzeit ist „Austerlitz“ wieder am 31. Mai sowie am 21. und 23. Juni zu sehen. Das Stück wird wiederaufgenommen. Weitere Infos: staatstheater-braunschweig.de

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