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„Wir gehen von organisierten Banden aus“

Trickbetrug am Telefon ist zu einer echten Masche geworden – Opfer sind vor allem ältere Leute, weiß Polizeisprecher Jürgen Weinmeister

Gerda Schulz (Name von der Redaktion geändert) aus Wolfenbüttel ist Opfer des Enkel-Tricks geworden. Betrug Caption: Gerda Schulz (Name von der Redaktion geändert) aus Wolfenbüttel ist Opfer des Enkel-Tricks geworden. Betrug Ausgabe: BS-WF PubDate: 2017.07.05 Caption: Gerda Schulz kannte die Masche der Betrüger aus der Zeitung. Trotzdem fiel sie darauf rein. Foto: Maria Böhme Ausgabe: BS-PE PubDate: 2017.07.06

 

Braunschweig. Ob falsche Polizisten oder angebliche Enkel in Geldnot – Trickbetrug am Telefon ist auf dem Vormarsch. 2009 zählte die Braunschweiger Polizei noch 67 Fälle, 2017 waren es schon fast dreimal so viele.

Anfang des Jahres informierte das Präventionsteam der Polizei noch einmal besonders Senioren über die Tricks und Gefahren. Wir haben uns mit Stefan Weinmeister, Pressereferent der Polizeiinspektion Braunschweig, darüber unterhalten, warum gerade Ältere die bevorzugten Opfer sind und woher die Täter kommen.

Stefan Weinmeister, Sprecher der Polizeiinspektion Braunschweig

 

Herr Weinmeister, gefühlt meldet die Polizei jede Woche Delikte, in denen es um Telefonbetrug geht. Wie viele Fälle hat es denn im vergangenen halben Jahr gegeben?

Aktuelle Zahlen für 2018 liegen derzeit noch nicht vor, die polizeiliche Kriminalstatistik wird Anfang März veröffentlicht, dann sind konkrete Zahlen zu erwarten. Im Jahr 2017 gab es im Stadtgebiet Braunschweig 110 Fälle des so genannten Enkeltricks. In 101 Fällen blieb es bei dem Versuch, in den vollendeten neun Taten wurde Bargeld in Höhe von ungefähr 200 000 Euro erbeutet. Außerdem gab es fünf vollendete Fälle, in denen falsche Polizeibeamte auftraten. Hier belief sich der Gesamtschaden auf ungefähr 141 000 Euro.

Telefonbetrug scheint eine echte Masche zu sein. Hat er über die vergangenen Jahre zugenommen?

Ja. 2009 zählten wir 67 Taten, im Jahr 2017 schon 182 Taten. Insofern ist hier eine deutliche Zunahme zu erkennen. Für 2018 ist eher mit einem Rückgang der Betrügereien zu rechnen. Das heißt aber nicht, dass die Schadenssumme deswegen kleiner wird.

Wie läuft der Betrug in der Regel ab?

In der Regel telefonieren die Gruppierungen innerhalb einer Stadt diverse Personen ab, die sie einer älteren Personengruppe zuordnen. Eine Orientierung ist dabei zum Beispiel ein aus der Mode gekommener Vorname. Bei Enkeltrickversuchen wird eine finanzielle Notlage vorgegaukelt, bei falschen Polizeibeamten eine Gefahr für das Ersparte heraufbeschworen. Die Opfer werden dazu gebracht, ihr Erspartes von der Bank oder aus dem Versteck zu holen und es an einen Unbekannten zu übergeben. Manchmal soll das Vermögen auch an einer bestimmten Stelle deponiert werden, damit es von dort konspirativ abgeholt werden kann. Wenn den Geschädigten der Verdacht kommt, dass es doch ein Betrug war, sind die Täter meist über alle Berge.

Wer steckt hinter den Telefonanrufen? Gibt es Banden oder sind es eher Einzeltäter? Woher kommen die Leute?

Wir gehen von organisierten Banden aus. Die Anrufe erfolgen in der Regel aus dem Ausland, aus regelrechten Call-Zentren. Die Rufnummer, die im Display erscheint, ist dabei in der Regel gefälscht. Bei „falschen Polizeibeamten“ orientiert man sich zum Beispiel an der 110 oder an der Amtsrufnummer der örtlichen Polizei. Wenn jemand nach dem Geheiß der Täter handelt, kommen die weiteren Bandenmitglieder, nämlich der Abholer und seine Begleiter für dessen Sicherheit, ins Spiel. Die Begleiter beobachten auffällige Bewegungen rund um das Opfer und warnen den Abholer, sobald das Gefühl vorhanden ist, dass die Ermittler der Polizei bereits eingeschaltet sind.

Warum sind besonders ältere Menschen gefährdet?

Gerade bei älteren Menschen werden die Gutgläubigkeit und der Wille, seinen Kindern und Enkeln zu helfen, schamlos ausgenutzt. Diese Menschen haben durch die Erfahrung von Entbehrungen während und nach dem zweiten Weltkrieg auch gelernt, nach dem Sprichwort „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ zu leben und so entsprechend Vermögenswerte angesammelt. Das ist auch dem Täter nicht verborgen geblieben. Oft wird auch das Nichterkennen einer Stimme von den Opfern gern auf ihre eigene Schwerhörigkeit zurückgeführt, so dass die geübten Telefonisten ein leichtes Spiel haben, das Opfer davon zu überzeugen, dass der „echte“ Enkel am Telefon ist.

Was sollte man tun – oder besser lassen?

Als erstes rät die Polizei, sich nicht mehr in öffentlichen Telefonbüchern registrieren zu lassen. Die Täter nutzen aber gerade offen zugängliche Quellen, um Telefonnummern von potenziellen Opfern zu erlangen und telefonieren danach die Rufnummern ab. Weiter raten wir als Polizei dazu, sich eine Rückrufnummer geben zu lassen und dann das Gespräch auf jeden Fall einmal komplett zu beenden. Im Zweifelsfall sollte man einen anderen Verwandten anrufen und die Rufnummer abgleichen. Polizeibeamte fragen NIE am Telefon nach Vermögenswerten noch lassen sie sich derartige Dinge im Vorfeld einer Straftat aushändigen. Auch hier gilt, sich eine Rückrufnummer geben zu lassen und diese mit der Telefonnummer der örtlichen Polizei abzugleichen. Außerdem schreibt man sich am besten den kompletten Namen, den Dienstgrad und die zuständige Polizeidienststelle des Beamten auf. Lassen Sie sich nie von der eingeblendeten Rufnummer täuschen – diese kann verfälscht sein.

Gibt es eine gute Nachricht? Haben die Warnungen der Polizei schon Erfolg gezeigt?

Gerade in letzter Zeit kam es zwar immer wieder zu Anrufwellen, hier haben die Täter in Braunschweig aber nie Glück gehabt. Die Rentner haben vorbildlich reagiert, den Betrug erkannt und das Gespräch beendet. Wir als Polizei werden aber nicht müde, immer wieder auf diese perfide Betrugsmasche hinzuweisen. Jeder vollendete Betrug ist einer zu viel …

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